ND-Pressefest in der Kulturbrauerei

Judith Fuchs
Judith Fuchs

Jussupow, Fuchs und Wagner-Michel spielten Simultan

Jährlich zum Pressefest des "Neuen Deutschland" lädt die Emanuel Lasker Gesellschaft (ELG) bekannte Schachspieler nach Berlin ein. Die Hauptattraktion in diesem Jahr war der ehemalige Weltranglistendritte Artur Jussupow, der seit Anfang der 1990er Jahre in Deutschland lebt. Jussupow beantwortete am Freitag, dem 27. Mai, vor etwa zwanzig Zuhörern die Fragen des ELG-Vorsitzenden Paul Werner Wagner (zum Gespräch mit Wagner möchte ich in einem späteren Beitrag etwas schreiben) und spielte am darauffolgenden Tag in der Kulturbrauerei ein Simultan.

Am Sonntag baten dann die Damen zum Simultan, zuerst Jungnationalspielerin Judith Fuchs und anschließend Annett Wagner-Michel. Beide sind Internationale Meisterinnen, doch an Erfahrung hat die Berlinerin Wagner-Michel ein klares Plus auf ihrer Seite.

Da sind nicht nur die 35 Jahre Altersunterschied, sondern Wagner-Michel hat auch zwei Landesmeistertitel mehr: 1981 und 1983 in der DDR. Judith Fuchs freilich hat allerdings noch nie eine Deutsche Frauenmeisterschaft mitgespielt.

Im Simultan erwies sich die 21jährige Leipzigerin aber als klar überlegen, was erstens nicht nur an etwas anderen Gegnern, sondern auch an der um 80 Punkte höheren DWZ liegt.
Während Wagner-Michel bei etwa 20 Gegnern vier oder fünf Partien verlor, unterlag Fuchs nur einmal und gab noch zwei Unentschieden ab - gegen Dr. René Gralla und Philippe Vu. Noch besser war am Tag zuvor nur Artur Jussupow. Der spielte an 25 Brettern insgesamt etwa 40 Partien und gab nur einen halben Punkt ab! Ein Gegner holte dabei das Optimum aus seinen Einsätzen heraus: Remis gegen Jussupow und Sieg gegen Fuchs.

Mann des Monats Eberhard Herrmann

Der 63jährige Privatdozent für Mathematik hat einen Lauf. Erst eine Woche zuvor belegte er einen hervorragenden 3. Platz beim Schnellschachturnier des SK Tempelhof und ließ dabei zahlreiche deutlich höherdotierte Spieler hinter sich. Auch der 6. Platz beim ZIB-Schnellschach-Open (Link offline) am 14. Mai war nicht unbedingt zu erwarten gewesen.
Nun also das Remis gegen den einstigen Weltklassemann Jussupow und der Sieg gegen die Internationale Meisterin. Gegen Jussupow stand er nach eigenen Angaben aber nie wirklich gut und entging nur knapp einer Niederlage. Selbst die Schlußstellung soll noch vorteilhaft für den Großmeister gewesen sein.

Gegen die Zahnmedizin-Studentin aus Leipzig profitierte Eberhard von einem Figureneinsteller und brachte die Partie nach einer eigenen kleinen Ungenauigkeit sauber nach Hause.

Eberhard Herrmann
Eberhard Herrmann

Leider schrieb Eberhard nicht alle Züge mit und verwechselte zudem in der Niederschrift die Reihennumerierung. So stritt er zum Beipiel mit mir, welches die 6. und 7. Reihe wäre. Hallo Herr Mathematik-Doktor!

Möglicherweise gehts mir im Alter nicht anders. Nicht mehr zählen können, aber bis 67 malochen...

Fuchs,Judith (2209) - Herrmann,Eberhard (1763) [C50]
Simultan Judith Fuchs Berlin, Kulturbrauerei, 29.05.2011
[Frank Hoppe]

1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 h6 Eröffnungszug Marke Herrmann. Darüber macht sich Peter Hintze jedesmal lustig. In die Reihe der "Bewunderer" reiht sich nun auch Judith Fuchs ein. 4.0-0 Lc5 5.c3 d6 6.d4 exd4 7.cxd4 Lb6 8.Le3 Sge7 9.Sc3 a6 10.Db3 0-0 11.Ld3 Lg4 12.d5 Sb8 13.Lxb6 cxb6 14.Sd4 Sd7 15.h3 Lh5 16.f4 b5 17.Tae1?? Die Leipzigerin hat völlig die drohende Fesselung übersehen. 17...Db6 Just zu diesem Zeitpunkt hätte Peter Hintze auftauchen und seinem Schachkumpel Eberhard Beifall klatschen sollen.

Stellung nach 17...Db6
Stellung nach 17...Db6

18.Db4 a5 19.Dxb5 Dxd4+ 20.Kh1 Sc5 21.Lb1 Db4?! [21...f5] 22.f5 f6 23.a3 Dxb5 24.Sxb5 Tfd8 25.g4 Lf7 Warum nicht gleich Le8 und den Sb5 befragen? Eberhard Herrmann begründete seine Entscheidung mit Sc7 nebst Se6 von Weiß. Aber was hält Judith davon ab, dies trotzdem zu machen? Sicher erstens der Druck auf d6 und zweitens, daß sie den Springer nicht gern auf e6 eintauschen möchte. 26.Tc1 Die Drohung Sxd6 liegt in der Luft. Eberhard hat die ganze Zeit davon nichts gemerkt, Judith fiel es erst später auf. 26...Tac8 27.Sa7 Tb8 28.Sb5 Sc8? [28...b6] 29.Kg2 Sb6? 30.Tf2 Le8?

Stellung nach 30...Le8
Stellung nach 30...Le8

31.Sxd6 Endlich! Eberhard fiel aus allen Wolken. Judith hatte immer vor Sb3 Respekt. 31...Scd7 32.Sb5 [32.Tc7 hätte die Minusfigur fast aufgewogen.] 32...Se5 33.Sd4 Tbc8 34.Tfc2 Txc2+ 35.Txc2 Tc8 36.Txc8 Sxc8 37.b4 a4 38.Kg3 Sd6 39.h4 Sec4 40.g5 Sxa3 41.Ld3 Sab5 42.Sc2 Sc3 43.Kf4 hxg5+ 44.hxg5 Lb5 45.Lxb5 Sdxb5 46.gxf6 gxf6 47.e5 Sxd5+ 48.Ke4 Sdc3+ 49.Kf4 fxe5+ 50.Kxe5 Kf7 51.f6 Sc7 52.Kd4 S7d5 53.b5 Kxf6 54.Kc5

Stellung nach 54.Kc5
Stellung nach 54.Kc5

und weitere Züge 0-1

Judith Fuchs geht mit Eberhard Herrmann bei der Analyse eine Variante durch
Judith Fuchs geht mit Eberhard Herrmann bei der Analyse eine Variante durch

Smalltalk auf der ND-Bühne

Vor die Arbeit am Brett hatte der Terminplan noch einen Auftritt auf der Hauptbühne gesetzt. Bei mir hätte das garantiert einen Lampenfieber-Kollaps verursacht. Doch zum Glück blieb mir das erspart und ich konnte in Ruhe einige Fotos machen. Zuvor machte ich mir noch Gedanken darüber, den Zuschauern beim Fotografieren nicht im Wege zu stehen, doch diese Sorge hatte sich schnell erledigt. Beim Polittalk mit Dagmar Enkelmann und der Musik von Andrej Hermlin und seinem Swing Dance Orchestra waren die Zuschauerbänke noch dicht gefüllt. Als der Schachtalk von Radio-Eins-Moderator Dieter Hunziger angekündigt wurde, leerten sich die Reihen immer schneller. Fast fluchtartig verließ das größtenteils ältere Publikum das Areal. Man möchte fast meinen, daß nur noch ein schlafender Rest übrig blieb. Sorgen darum, jemandem im Wege zu stehen, brauchte ich mir nicht mehr zu machen.

Da sieht man einmal welchen Stellenwert Schach in der Gesellschaft hat. Aber vielleicht war ja auch einfach nur das falsche Publikum da.

Besser erging es eine Stunde später den Fußballdamen, obwohl auch hier nicht gerade die schillernde Prominenz auf der Bühne saß:

Zum geplanten Blitzmatch von Judith Fuchs mit Annett Wagner-Michel oder einem Besucher kam es dann leider doch nicht. Der Uhrzeiger rückte unerbittlich vorwärts und zum Schluß war dafür schlichtweg keine Zeit mehr. Ein potenzieller Gegner wäre Philippe "Kung" Vu gewesen, der 2009 immerhin Dritter der Berliner Blitz-Einzelmeisterschaft war und ob seines chaotischen Stils in allen Berliner Vereinen gefürchtet ist. Doch Vu war noch mit Annett Wagner-Michel beschäftigt.
Einen zweiten Kandidaten gab es abseits des Schachareals mit Cord Wischhöfer. Der Weisse-Dame-Spieler mußte leider arbeiten - am Stand der Gewerkschaft Verdi.
Ein dritter Kandidat wäre der Autor gewesen. Judith Fuchs spielte 2004 das Hellersdorfer Winterturnier mit und brachte mir im Blitzturnier am 15. Februar 2004 eine Niederlage bei. Es wäre Zeit für eine Revanche gewesen...

Bilder vom Simultan mit Annett Wagner-Michel

Es ist doch schön, wenn man schon nicht selbst Schach auf Meisterniveau spielen kann, daß dann wenigstens jemand im Haus ist, der schon einige Meriten sammeln konnte. Der sieben Jahre ältere Schachfunktionär Paul Werner Wagner hatte einst die Jungnationalspielerin Annett Michel weggeheiratet. Die Ehe gehört der Vergangenheit an, doch über das Schach und den gemeinsamen Sohn Emanuel (!!! - er betreut die ELG-Website) blieb eine Freundschaft bestehen.

Während seine Ex-Frau schacherte, kümmerte sich Paul Werner Wagner um "Fellpflege", wie Wissenschaftler die zwischenmenschliche Kommunikation auch bezeichnen. Der Begriff geht zurück auf das gegenseitige Lausen von Affen, bis sich die Sprache entwickelt hatte und die Fellpflege ersetzte. Hier pflegt er gemeinsam mit Judith Fuchs das Fell:

Später stieg eine junge Französin mit ihrer kiebitzenden Freundin in das Simultan ein. Nach der Begrüßung durch die Simultangeberin, erkundigte sie sich bei Wagner nach Spielmöglichkeiten in Berlin:

Wie die junge Dame spielte, blieb mir verborgen. Bei meinem Abgang war die Stellung brisant aber ausgeglichen.

Zum Schluß noch ein Foto vom Stand des Eulenspiegels:

Arno Funke (rechts)
Arno Funke (rechts)

Einst meistgesuchter Krimineller Deutschlands, inzwischen resozialisiert beim Eulenspiegel: Arno Funke. Bekanntgeworden als Kaufhaus-Erpresser "Dagobert", zeichnet er jetzt Karikaturen für die ostdeutsche Satirezeitschrift. Seine Honorare werden noch fast vollständig für die Geldstrafe von 2,5 Millionen DM draufgehen, zu der er 1996 neben einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt wurde.

Bearbeiter: | | Archiv: BSV - Nachrichten | ID: 42

Kategorie: Emanuel Lasker Gesellschaft

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