Änderungen der FIDE-Regeln

Seit heute gilt eine neue Fassung der FIDE-Regeln. Alle Änderungen hat die FIDE in einer Tabelle veröffentlicht (englisch). Die deutsche Übersetzung ist noch nicht auf der Seite der Schiedsrichterkommission veröffentlicht. Im Netz findet sich daher nur die englische Fassung; der deutsche Text kann aber schon bei der Geschäftsstelle des BSV erworben werden.

Die meisten Änderungen betreffen eine neue Numerierung und klarere Formulierungen. So ist jetzt ausdrücklich festgehalten, dass eine Remisvereinbarung erst erfolgen darf, wenn beide Spieler je mindestens einen Zug ausgeführt haben. Turnierveranstaltern wird auch ein etwas entspannter Umgang mit den Handys der Spieler ermöglicht. Auch eZigaretten fallen jetzt unter das Rauchverbot, die Spieler müssen sich aktiv an der Rekonstruktion einer Partie oder der Überprüfung einer Remisreklamation auf dreimalige Stellungswiederholung oder 50-Züge-Regel beteiligen. Im Rapid und Blitz kann auch der Schiedsrichter eine Zeitüberschreitung reklamieren.

Die wichtigste Änderung: Eine Zugausführung mit beiden Händen (besonders bei Rochade, Schlagen, Umwandlung) gilt als regelwidriger Zug. In einer Schnell- oder Blitzpartie ist die Partie bei korrekter Reklamation dadurch verloren. Ebenso gilt es als regelwidriger Zug, wenn die Uhr gedrückt wird, ohne einen Zug ausgeführt zu haben.

Diese Regeln gelten für Turniere, die ab heute beginnen. Für Turniere, die bis gestern gestartet wurden, gilt die alte Fassung der FIDE-Regeln. Wer eine bessere Kenntnis der Schachregeln erwerben will, kann sich zu einem Verbandsschiedsrichter-Lehrgang anmelden.

Edit 04.07.17: Natürlich hat der DSB die neuen FIDE-Regeln auf deutsch veröffentlicht, ich habe sie nur am falschen Ort gesucht. Sie stehen nicht auf der Seite der Schiedsrichterkommission, sondern im Bereich Satzung und Ordnungen. Direktlink: FIDE-Regeln (ab 01.07.2017)

Edit 2 04.07.17: Und kaum habe ich es geschrieben, hat auch die SRK die Regeln in ihrem Downloadbereich. Downloads der Schiedsrichterkommission

Bearbeiter: Christian Kuhn | | Archiv: BSV-Nachrichten | ID: 2716

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Kommentare

Julian Urban am :

Hallo Herr Kuhn,

was sagen die neuen Regeln zur Notation, gilt das Mitschreiben mit der langen Notation als Regelwidrigkeit ?

Reinhard Baier am :

Das Mitschreiben in der langen Notation ist keine Regelwidrigkeit. Das steht im Anhang C.8 im letzten Satz (im englischen Original):
Each move of a piece is indicated by the abbreviation of the name of the piece in question and the square of arrival. There is no need for a hyphen between name and square. Examples: Be5, Nf3, Rd1.
In the case of pawns, only the square of arrival is indicated. Examples: e5, d4, a5.
A longer form containing the square of departure is acceptable. Examples: Bb2e5, Ng1f3, Ra1d1, e7e5, d2d4, a6a5.

Julian Urban am :

Vielen Dank, das war eine sehr wichtige Info für mich, um es kurz zu sagen, die alte Fassung bot im Anhang C. nur Beispiele für Kurznotation-Schreibweisen, einige Schiedsrichter vertraten die Meinung, dass die lange Notation auch eine Algebrarische sei und damit zu tolerieren, andere sagten, dass die Regelkonformität der langen Notation durch die Beispiele eben nicht gedeckt sei. Wegen dieser Unsicherheit, war mir nicht ganz klar, ob man die lange Notation überhaupt noch unterrichten darf, falls regelwidrig.
Ganz klar ist mir noch nicht, ob der Bezugsrahmen eine Partie ist
oder, ob man ein Partieformular uneinheitlich ausfüllen darf, mal
kurz mal lang, mal mit Bindestich mal ohne, also alle regelkonformen Variationen.

Reinhard Baier am :

Ja, Du hast Recht, tatsächlich war der letzte Satz in den Regeln von 2014 nicht enthalten und erst in den Regeln von 2017 explizit aufgenommen worden, wie man in der oben zitierten Tabelle der Veränderungen sieht.
Gemischte Schreibweisen auf einem Formular sind nicht explizit verboten, aber beliebiger Wildwuchs sollte es nicht sein. Die standardisierte Notation des "Protokolls einer Sportveranstaltung" dient nämlich auch dazu, anderen eine möglichst fehlerfreie Wiedergabe zu ermöglichen.

Christian Kuhn am :

In der Tat war seit langem die lange algebraische Notation bei buchstabengetreuer Auslegung der Regeln verboten. Gespräche mit Schachfreunden, die Zugang auch zu höheren Kreisen hatten, ergaben eindeutig, dass dies tatsächlich nie gewollt war. Auf internationaler Ebene wäre mir auch kein Fall bekannt, in dem der Schiedsrichter die lange algebraische Notation beanstandet hätte, das gab es nur bei ein paar übereifrigen Kollegen in den unteren Klassen, die das Vorwort der FIDE-Regeln nicht gelesen hatten. Dennoch hat es mich gefreut, dass in der aktuellen Fassung die lange algebraische Notation ausdrücklich erlaubt wurde.

Christian Kuhn am :

Zur Frage des Wechsels der Notation: Art. 8.1.1 verlangt „as clearly and legibly as possible“. Das ist auszulegen mit dem im Vorwort geforderten gesunden Menschenverstand und der absoluten Objektivität. Wenn jemand grundsätzlich kurz notiert, sich aber nicht sicher ist, ob es jetzt Sge2 oder S1e2 heisst und diesen Zug lang notiert, ist das sicher okay. Wenn jemand tatsächlich mit jedem Zug den Modus wechselt, hat er in meinen Turnieren ein längeres Gespräch mit mir, in dem er mir erklärt, wieso das die Erfordernisse von 8.1.1 erfüllt. Ich habe dazu eine Meinung, lasse mich aber u.U. überzeugen.

Achim Schilly am :

Lieber Tim Mueller, die Frage nach der Notation wurde aber gestellt und die Ausführungen von Herrn Baier und Herrn Kuhn haben mich sehr interessiert. Als Schiedsrichter möchte ich gerne auch Pille-Palle Entscheidungen regelkonform treffen können.
Weil es in den FIDE-Regeln keine ungültigen Züge gibt, kann Ihre Frage leider nicht beantwortet werden. Ich empfehle Ihnen den Artikel 7.5 der FIDE-Schachregeln aufmerksam zu lesen und dann Ihre Frage zu konkretisieren.

Mark Dörbandt am :

"Alle Änderungen hat die FIDE in einer Tabelle veröffentlicht (englisch). Die deutsche Übersetzung ist noch nicht auf der Seite der Schiedsrichterkommission veröffentlicht. Im Netz findet sich daher nur die englische Fassung; der deutsche Text kann aber schon bei der Geschäftsstelle des BSV erworben werden."

D.h. man sieht sich in der Lage, eine gedruckte Fassung zu verteilen, deren Druckdatei (Spekulation) eine PDF-Datei ist, aber nicht, diese Datei auch zu veröffentlichen?

Pardon, aber das halte ich für rückständig - ich möchte den oder die Verantwortlichen des BSV eindringlich bitten, auf die Schiedsrichterkommission einzuwirken, das zu tun.

Es muss meiner Meinung nach jedem Schachspieler ermöglicht werden, die aktuellen Regeln, nach denen im Verband gespielt wird, in Muttersprache einfach zugänglich zu haben. Und einfach heißt beim heutigen Stand der Technik eben nicht: in Papierform.

Vielen Dank & viele Grüße - Mark

Christian Kuhn am :

Lieber Schachfreund Müller,

Mit "pille-palle" und ähnlichen Einschätzungen wäre ich vorsichtig. An der Einhaltung der Regeln hängt u.U. auch Geld (Titel, ELO, DWZ, Preise). Natürlich fällt die Sanktionierung bei der WM anders aus als in der 4. Klasse, aber es gelten überall die gleichen Regeln.

Was zu den regelwidrigen Zügen wollen Sie denn wissen? Detailfragen kann ich hier beantwordten, fürs Große und Ganze empfehle ich einen VSR-Lehrgang. Im nächsten sind noch Plätze frei ;-)

Julian Urban am :

Vielen Dank für Ihre Antworten, ich habe die Frage nicht ohne Grund gestellt, und darum eben nicht "pille-palle", wenn ich bei einer Klassenarbeit oder zukünftigt Prüfungsfach-Arbeit einen
halben Punkt für Notationsfehler abziehe, aber mich nicht über
die Fide-Regeln ausweisen kann, habe ich ein Problem bei Protesten oder Nachfragen.

Carsten Haase am :

Liebe Schachfreunde, lieber Mark Dörbandt,

mittlerweile (seit heute) stehen die neuen FIDE-Regeln auf den Seiten der SRK vom Bundesverband - inklusive deutscher Fassung - als pdf-Datei zur Verfügung:
http://srk.schachbund.de/nachrichtenleser-der-srk/neue-fide-regeln-22126.html

Beste Grüße
Carsten Haase

Christian Kuhn am :

Lieber Carsten, danke für den Link. Der DSB hat schon ein paar Tage länger die FIDE-Regeln anderswo angeboten, siehe die Edits oben im Artikel. Lieber Schachfreund Dörbandt, Ihr Rant war berechtigt, trifft aber nicht den DSB oder BSV, da war mein falscher Informationsstand schuld.

Lieber Schachfreund Müller, über die Nomenklatur müssen wir nicht unbedingt reden. „Illegal“ im Original hat die SRK mit „regelwidrig“ übersetzt, das ist der Begriff, der im DSB offiziell benutzt wird, da hat der Sfr. Schilly durchaus recht. Der Volksmund spricht seit jeher von „unmöglichen“ Zügen, und ich gestehe, dass ich erst vorgestern das (hoffentlich) letzte Auftauchen dieses Begriffs aus meinen Lehrgangsfolien verbannt habe.

Ja, die Konsequenzen sind horrend. Jedenfalls in Schnell- und Blitzpartien. Und das wird von ausgebildeten Schiedsrichtern auch so durchgezogen. Kam ein (abgeschlossener!) regelwidriger Zug vor, der irgendwann bemerkt wurde, wird die Stellung davor wiederhergestellt und die Uhr angepasst. Beim erstenmal bekommt der Gegner zwei Minuten, beim zweitenmal ist die Partie verloren. Klingt schlimm. Aber bitte: Sind Sie sicher, dass jemand in einer Turnierpartie ans Brett gehört, der in einer langen Partie zweimal regelwidrig zieht? Hat da nicht der einsetzende Verein etwas falsch gemacht, wenn er einen Spieler meldet, der nicht einmal weiss, wie die Figuren ziehen? Es gibt Sportarten, in denen man erst an Wettkämpfen teilnehmen darf, wenn man eine Turnierreife nachgewiesen hat. Im Rapid und Blitz ist es noch strenger: Ein regelwidriger Zug verliert sofort. Allerdings wird das abgemildert: Nur wenn es der Schiedsrichter oder der Gegner rechtzeitig – bevor der Gegner seinen Zug ausgeführt (!) hat – reklamiert. Im Blitz war das „schon immer“ (mindestens seit 1978 kann ich das bezeugen) so, in der langen Partie und im Rapid hat lange Zeit erst der dritte regelwidrige Zug verloren. Daher gibt es da auch keine Diskussionen mit erfahrenen Turnierspielern, denen das in Blitz oder Zeitnot auch passieren kann.

Mark Dörbandt am :

Lieber Carsten Haase, lieber Christian Kuhn,

vielen Dank für den Link und die zusätzlichen Informationen!

Viele Grüße - Mark Dörbandt

Christian Kuhn am :

Lieber Schachfreund Müller, das Schiedsrichterwesen in den unteren Klassen ist zur Zeit noch suboptimal. Das, was da passiert, hat oft mit dem, was passieren sollte, nichts zu tun. Nicht aus bösem Willen, sondern weil die dort praktizierenden „Schiedsrichter“ eben keine sind, sondern nur Spieler mit dem Willen zu mehr Verantwortung, aber ohne größere Regelkenntnis oder gar Ausbildung. Das versuchen wir gerade zu ändern.

In den Ligen ab Oberliga aufwärts gibt es einen neutralen Schiedsrichter. Da werden regelwidrige Züge vom Schiedsrichter reklamiert. Wie Sie richtig schreiben, kommen die hauptsächlich in Zeitnot vor, und da steht der Schiri in Sichtweite. Bei Einzelmeisterschaften auf Bundes- und Landesebene wird es in der Regel ebenso sein.

In den Ligen darunter, bei Klassenturnieren, bei Vereinsturnieren etc. sind entweder zuwenige Schiedsrichter da, oder der Schiedsrichter spielt selbst mit. In unserer Vereinsmeisterschaft bin ich Schiedsrichter, aber meistens nicht im Spiellokal. In solchen Fällen reklamiert der Schiri natürlich nicht selbst, sondern der Spieler benachrichtigt den Schiri, der dann entscheidet. Auch beim QT und bei großen Opens wird das oft so laufen; wenn es bei 400 Spielern zwei Schiedsrichter gibt, werden die nicht ständig jedes Brett anschauen. Es ist aber zuerst Aufgabe des Schiedsrichters, bei Regelverstößen einzugreifen; WENN er einen sieht, hat er einzugreifen.

Der zitierte Satz bezieht sich auf Blitz- und Schnellschach. Egal welche Bedenkzeit: Der früheste Zeitpunkt, einen regelwidrigen Zug zu reklamieren, ist, wenn der Spieler, der falsch zieht, seinen Zug abgeschlossen hat, also die Uhr gedrückt hat. Zum Unterschied: In einer langen Partie ist es egal, wann der regelwidrige Zug bemerkt wird, solange die Partie noch nicht beendet ist. Es wird die Stellung vor dem Zug wiederhergestellt, die Uhren angepasst, 2 Minuten Gutschrift für den Gegner, und weiter. Beim zweitenmal ist die Partie verloren.

Im Schnell- und Blitzschach ist das anders: Sobald der Gegner seinen Zug ausgeführt hat, also die Figur losgelassen, kann niemand mehr den regelwidrigen Zug reklamieren. Nur in dem Zeitraum zwischen Drücken der Uhr des Spielers und Loslassen der Figur des Gegners kann Gegner oder Schiedsrichter den regelwidrigen Zug reklamieren. Und in dem Fall ist die Partie dann für den Spieler verloren, der falsch gezogen hat. Auch hier hat sich manches geändert, so gab es auch Zeiten, in denen der Schiedsrichter im Blitz einen regelwidrigen Zug nicht reklamieren durfte.

In der langen Partie ist das übrigens eine sehr theoretische Diskussion. Ich bin jetzt über 25 Jahre als Schiedsrichter tätig, und ich kann mich nicht an eine einzige Partie erinnern, die durch den zweiten (bzw. früher dritten) regelwidrigen Zug verloren gegangen wäre. EINEN regelwidrigen Zug in Zeitnot beobachtet man gelegentlich; außerhalb von Zeitnot sieht man bei sehr jungen, sehr alten oder sehr unerfahrenen Spielern auch einmal EINEN regelwidrigen Zug. Beliebt ist z.B. das Rochieren über ein bedrohtes Feld. Den Fehler kann man aber pro Partie nur einmal machen.

Ansonsten tue ich mich hier mit praktischen Erläuterungen schwer. Ich kann hier halt nichts am Brett demonstrieren. Ich weiss auch nicht, welche Erfahrungen ich voraussetzen kann, weil Sie mit dem hier benutzten Namen nicht in der DWZ-Liste stehen und ich Sie folglich keinem DSB-Verein zuordnen kann. Es gibt gute Gründe, warum Schiedsrichterausbildungen live und in der Gruppe stattfinden, da kann man einfach auf unterschiedliche Vorkenntnisse besser eingehen. Sprechen Sie mich bei einem Turnier oder unserem Vereinsabend gerne an, oder melden Sie sich für einen VSR-Lehrgang an; hier werde ich Ihnen nicht mehr wesentlich weiter helfen können.

Frank Hoppe am :

Die Beiträge eines gewissen Tim Mueller habe ich entfernt. Grund: Falscher Name und offensichtlich erfundene E-Mail-Adresse.

Heinz Uhl am :

Lieber SF Kuhn,

leider hat die Schiedsrichter-Kommision des DSB ihre auf der Homepage des DSB unter der Rubrik "SRK" im Bereich "Regelauslegung" veröffentlichten "Leitlinien zur Regelauslegung" im Hinblick auf die geänderten FIDE-Schachregeln (im Folgenden "FR") noch nicht angepasst.

Zu der von Ihnen in Ihrem News-Beitrag als solche bezeichneten "wichtigsten Änderung" hätte ich die beiden nachfolgend aufgeführten Fragen. Mich würde dabei vor allem interessieren, wie diesbezüglich die in dem gerade erst von Ihnen abgehaltenen Schiedsrichter-Lehrgang neu ausgebildeten Berliner Schiedsrichter geschult worden sind und ob Ihnen insoweit außer dem Regelwerk selber noch irgendwelche Materialien (Auslegungshinweise, Kommentare) von offizieller Seite (FIDE, DSB) vorliegen. Gerne dürfen sich hierzu natürlich auch die bei dem Lehrgang eingesetzten Dozenten äußern.

Fragen zu Art. 7.7.1 FR:

1. Ist – für sich allein schon – das Benützen von zwei Händen wie ein bereits abgeschlossener regelwidriger Zug zu behandeln (Rechtsfolgenverweisung) oder liegt ein solcher gemäß Art. 7.5.1 FR auch hier erst dann vor, wenn der Spieler die Uhr gedrückt hat (Rechtsgrundverweisung)? Hat also eine Sanktion nach Art. 7.7.2 FR bereits dann zu erfolgen, wenn nach der einen auch die andere Hand des Spielers durch das (absichtliche) Berühren einer Figur in die Ausführung des Zuges eingreift, oder verbleibt dem Spieler die Möglichkeit, die regelwidrige Benützung beider Hände zu heilen, indem er die berührten Figuren zunächst wieder auf ihre Ursprugsfelder zurück stellt und den Zug danach regelkonform mit einer Hand noch einmal von Neuem ausführt?

2. Handelt es sich bei den in Klammern aufgeführten Zugarten Rochieren, Schlagen und Bauernumwandlung um eine lediglich beispielhafte oder eine enumerative Aufzählung? Das im obenstehenden News-Beitrag den genannten Zugarten vorangestellte "besonders" würde zwar Ersteres implizieren. Dieses bzw. ein entsprechendes Wort findet sich aber weder in der englischen Originalfassung noch in der deutschen Übersetzung von Art. 7.7.1 FR. Umfasst das wie ein regelwidriger Zug zu behandelnde Benützen beider Hände also alle Fälle, in denen ein am Zug befindlicher Spieler mit beiden Händen irgendwelche Figuren (absichtlich) berührt, oder bezieht sich die Regel ausschließlich auf die in Klammen aufgeführten Zugarten?

Liebe Grüße
Heinz Uhl (NSR)

Christian Kuhn am :

Lieber Schachfreund Uhl, mir liegen noch keine weiteren Auslegungen vor. Als Schiedsrichter sind Sie daher frei, den Wortlaut der Regeln im Geiste des Vorworts auszulegen. Das ist das, was ich im Lehrgang unterrichte. Verschiedene Schiedsrichter mögen in verschiedenen Situationen zu verschiedenen Auslegungen kommen, die im jeweiligen Kontext richtig sind. Die Kenntnis einer allgemeingültigen Antwort würde ich mir nie anmaßen.

Dennoch gebe ich Ihnen natürlich gerne meine Meinung zu Ihrer Frage. Die Formulierung „shall be considered as an illegal move“ bedeutet meiner Meinung nach, dass auch ein mit beiden Händen ausgeführter Zug abgeschlossen sein muss. Dass die Folgen in 7.7.2 ausdrücklich erwähnt werden, liegt meiner Meinung nach daran, dass in 7.5.3 auf 7.5.1 bzw. 7.5.2 verwiesen wurde. Solange der Zug nicht abgeschlossen ist, kann er zurückgenommen und unter Beachtung von berührt – geführt ein regelgerechter Zug (in dem Fall halt derselbe Zug mit einer Hand) ausgeführt werden.

Nach 4.1 muss jeder Zug mit einer Hand ausgeführt werden. Daher halte ich die Liste in 7.7.1 für eine beispielhafte Aufzählung. Die Alternative würde bedeuten: Manche Züge sind mit einer Hand auszuführen, bei anderen ist das nicht ganz so wichtig. Dem widerspricht aber die Stellung des 4.1 in den Grundspiel- statt den Turnierregeln und ganz am Anfang des Art. 4 sowie die im 4.1 fehlende Aufzählung.

Dies ist meine Meinung. Jeder ausgebildete Schiedsrichter, erst recht ein NSR, ist dazu ausgebildet, sich seine eigene Meinung zu bilden, und die darf von meiner abweichen. Ich vermute, dass im Laufe der nächsten Saison hier die SRK für den Bereich des DSB verbindliche Auslegungen findet, die uns dann alle binden.

Marc Rüther am :

Wieso muss man darüber überhaupt lange Diskussionen führen und Paragraphen schreiben? Haben diese Leute in der Kommission wirklich nichts Besseres zu tun?
Was genau ist jetzt so schlimm daran, wenn jemand die Rochade mit zwei Händen macht? Die linke Hand setzt den König nach g1, die rechte den Turm nach f1, der Spieler drückt die Uhr ... was ist daran nicht eindeutig oder unfair?

Darf ich auch eine Bauernumwandlung nur einhändig durchführen? Wenn nein: warum nicht, außer dass man Schiedsrichter beschäftigen und Spieler verwirren möchte?

Heinz Uhl am :

@ Marc Rüther:

1. Wie zuvor schon Christian Kuhn ausgeführt hat, muss nach Art. 4.1 der FIDE-Schachregeln (FR) jeder Zug – also auch eine Bauernumwandlung – mit einer Hand ausgeführt werden.

2. Wenn beim Rochieren ebenso wie bei einer Bauernumwandlung oder beim Schlagen die einzelnen Bestandteile des Zuges auch bei einem Benutzen beider Hände stets sauber nacheinander ausgeführt würden, bräuchte es die vorgenannte Regelung sicherlich nicht.

Nach meiner Erfahrung auch als Schiedsrichter kommt es aber gerade durch das gleichzeitige Eingreifen mit beiden Händen immer wieder zu Streitfällen – dies insbesondere in den beiden folgenden Fallkonstellationen:

1) Ein Spieler, der bei einem geplanten Rochieren König und Turm bzw. bei einem geplanten Schlagen die schlagende eigene und die zu schlagende gegnerische Figur nahezu zeitgleich jeweils in eine Hand genommen hat, bemerkt noch rechtzeitig vor Vollendung seines Zuges, dass der von ihm geplante doch kein guter oder gar ein regelwidriger Zug wäre. Welche der beiden Figuren hatte er nun zuerst berührt? Muss bzw. darf er nun im Fall des geplanten Rochierens den König oder den Turm bzw. im Fall des geplanten Schlagens die eigene Figur ohne zu Schlagen auf ein anderes Feld ziehen oder die gegnerische Figur mit einer anderen eigenen Figur schlagen?

2) Ein Spieler will bei beiderseitig hoher Zeitnot eine gegnerische Figur durch eine weit entfernt stehende eigene Figur – also mit einem langen Damen-, Turm- oder Läuferzug – schlagen und nimmt hierzu die beiden Figuren nahezu zeitgleich und für den Gegner, der mit diesem Zug nicht rechnet, völlig überraschend jeweils in eine Hand. Nun entsteht – insbesondere bei schwächeren Spielern, die sich die jeweils auf dem Brett befindliche Stellung nur unzureichend im Kopf vergegenwärtigen – nicht selten Streit darüber, ob dieser Zug regelgerecht war, weil der Gegner in der Hektik der Zeitnot nicht realisieren kann, auf welchen Ausgangsfeldern sich die schlagende und die geschlagene Figur befanden. Wird der Zug dagegen sauber nacheinander in zwei Schritten ausgeführt, fällt es deutlich leichter, diesen nachzuvollziehen, da zum selben Zeitpunkt jeweils nur eine Region des Brettes im Auge zu behalten ist.

Unabhängig davon vermag sich ein Spieler durch den Einsatz beider Hände einen unfairen Zeitvorteil zu verschaffen, was sich insbesondere bei nur kurzen (Rest-)Bedenkzeiten partieentscheidend auswirken kann. Ein extremer Fall liegt insoweit vor, wenn ein Spieler beim Blitzschach durchgehend mit rechts zieht und mit links die Uhr drückt bzw. umgekehrt.

3. Zuletzt möchte ich anmerken, dass ich mir etwas mehr Objektivität gewünscht hätte! Sicherlich sind die Änderungen der FIDE-Schachregeln leider nicht immer als gelungen zu bezeichnen. Die insoweit unterstellten Motive muten aber doch als etwas weltfremd an: Eine Abänderung der Regeln erscheint stets dort geboten, wo diese sich in der Praxis als untauglich erweisen. Leider ist dies zuweilen auch der Fall, weil sich Lücken offenbaren, die unfaire Spieler gezielt zu ihrem Vorteil auszunutzen versuchen.

Ein Beispiel hierzu aus der jüngeren Vergangenheit: Wird eine Bauernumwandlung nicht abgeschlossen, also die Uhr gedrückt, ohne dass der auf das Umwandlungsfeld vorgezogene Bauer in eine neue Figur ausgetauscht wurde, so stellt dies einen regelwidrigen Zug dar. Nach früheren Regeln musste in diesem Fall die Stellung unmittelbar vor dem Regelverstoß wiederhergestellt und sodann unter Beachtung der Berührt-geführt-Regel derselbe Bauer erneut umgewandelt werden. Diese Regel konnte ein Spieler jedoch dahingehend zu seinem Vorteil ausnutzen, dass er die Umwandlung bewusst nicht abschloss, wenn er sich in Zeitnot nicht entscheiden konnte, in welche Figur er den Bauern umwandeln sollte. Während der Reklamation dieses regelwidrigen Zuges durch den Gegner hatte der Spieler dann genügend Zeit, sich für die richtige Figur zu entscheiden. Daher ist die Regelung des Art. 7.5.2 FR eingeführt worden, wonach der Bauer in einem solchen Fall stets in eine Dame gleicher Farbe umzuwandeln ist, ohne dass dem Spieler die Möglichkeit gegeben ist, die Auswahl der Figur nachzuholen.

Heinz Uhl am :

@ Christian Kuhn:

Zunächst vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort!

Natürlich soll die Ausbildung eines Schiedsrichters selbigen dazu befähigen, die Regeln im Zweifel selber auslegen zu können. Mir ging es aber vor allem darum zu erfahren, ob den für die Schiedsrichter-Ausbildung zuständigen Referenten zusätzlich zum Regelwerk selber noch irgendwelche Materialien von offizieller Seite zur Verfügung gestellt worden sind. Wie ich inzwischen erfahren habe, sind auf der Webseite der "FIDE Arbiters' Commission" (arbiters.fide.com) unter der Überschrift "INTERPRETATIONS OF THE NEW LAWS OF CHESS, VALID FROM 1 JULY 2017" tatsächlich Auslegungen bzw. Klarstellungen zu den neuen FIDE-Regeln veröffentlicht worden – siehe dazu unten mehr.

Im Ergebnis teile ich Ihre Auffassungen:

Zu meiner zweiten Frage:

Für sich genommen impliziert die Formulierung "in case of" im englischen Original zwar eine enumerative Aufzählung. Aufgrund ihrer nachgestellen Aufführung in Klammern ist es

meines Erachtens aber mit dem Wortlaut vereinbar, die Aufzählung der Zugarten als lediglich beispielhaft zu betrachten, was aus den von Ihnen genannten Gründen auch mir als

sinnvoll erscheint.

Zu meiner ersten Frage:

Einerseits könnte man aus dem Umstand, dass Art. 7.7.2 FR in Bezug auf einen Verstoß gegen Art. 7.7.1 FR eine eigenständige Sanktionsregelung enthält, die anders als Art.

7.5.3 FR gerade nicht an die vorherige Erfüllung der Erfordernisse der Art. 7.5.1 und 7.5.3 FR anknüpft, folgern, es müsse als Voraussetzung für eine Sanktion nach Art. 7.7.2

FR auch nicht zwingend ein abgeschlossener regelwidriger Zug vorliegen, sodass bereits das Benutzen von zwei Händen für sich allein – unabhängig von einem Drücken der Uhr – zu

sanktionieren ist. Andererseits würde es mir nicht einleuchten, dass im Fall des Benutzens von zwei Händen bereits eine die bloße Ausführung der Züge betreffende

Regelwidrigkeit zwingend zu einer Sanktion zu führen hätte, während ein nach den Regeln über die Gangart der Figuren unzulässiger Zug, der einen viel schwerwiegenderen

Regelverstoß darstellt, nur dann sanktioniert werden kann, wenn der Zug durch ein anschließendes Drücken der Uhr auch abgeschlossen wurde. Umgekehrt wäre es aber auch als eine

übertriebene Förmelei zu bewerten, wenn im Fall eines Verstoßes gegen Art. 7.7.1 FR entsprechend Art. 7.5.1 FR zunächst die Stellung vor dem Regelverstoß wiederhergestellt werden müsste. Denn anders als im Fall eines nach den Regeln über die Gangart der Figuren regelwidrigen Zuges, der eine Korrektur der auf dem Brett entstandenen Stellung notwendig macht, wäre im Fall eines abgeschlossenen Zuges, der lediglich nach Art. 7.7.1 FR regelwidrig ausgeführt wurde, eben stets genau der gleiche Zug noch einmal von Neuem auszuführen.

Mithin erscheint mir die Neuregelung der Art. 7.7.1 und 7.7.2 FR insgesamt als wenig geglückt. Letztlich hat haben sich diese Gedankenspiele aber durch die oben erwähnten, von

der FIDE veröffentlichten Auslegungen bzw. Klarstellungen bereits überholt: Hiernach soll nun bereits der insgesamt zweite regelwidrige Zug zum Partieverlust führen, gleich ob es sich bei den Regelverstößen jeweils um einen Fall von Art. 7.5.1, 7.5.2, 7.7.1 oder 7.8.1 FR handelt. Demnach aber hätte Art. 7.7.2 FR überhaupt keine eigenständige Bedeutung mehr.

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