Anatoli Karpow zu Besuch in Berlin

Frank Hoppe

Am Montag besuchte Anatoli Karpow als Delegationsleiter mit einer Gruppe Abgeordneter des russischen Parlaments Duma den Deutschen Bundestag, um sich dort mit Politikern unseres Landes im Schach zu messen. Begonnen wurde nach freundlichen Begrüßungsworten mit einer Simultanvorstellung des ehemaligen Weltmeisters, in dem die Bundestagsabgeordnete Katrin Werner von den Linken ein Remis erreichte. Im darauf folgenden Blitzschach-Wettkampf (allerdings ohne Karpow) wurde die deutsche Mannschaft durch den zwei Tage zuvor gewählten Präsidenten des DSB Ullrich Krause und den Präsidenten des Berliner Schachverbandes Carsten Schmidt verstärkt, da zwei Bundestagspolitiker noch weitere wichtige Termine hatten. Gegen die sechs Politiker aus der Duma wurde am Ende ein Unentschieden erreicht.

Simultan mit Anatoli Karpow

Aus nahezu allen Parteien des Deutschen Bundestages fanden sich Abgeordnete an den sechs vom Internationalen Schiedsrichter Horst Metzing vorbereiteten Brettern ein. Zunächst begrüßte der gastgebende stellvertretender Vorsitzende der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe, Wolfgang Gehrcke die russischen Gäste und die Zuschauer zu der Veranstaltung. Als Delegationsleiter der Mannschaft aus der russischen Duma bedankte sich danach der 12. Schachweltmeister Anatoli Karpow, der vor knapp einer Woche sechsundsechzig Jahre alt wurde, für die nette Einladung aus Berlin. Als Präsident des Berliner Schachverbandes begrüßte Carsten Schmidt letztlich alle Spieler, Politiker und die weiteren Gäste, erläuterte den Ablauf der Schachwettkämpfe und wünschte allen einen spannenden Schachabend.

Begonnen wurde mit einer Simultanvorstellung der Schachlegende Anatoli Karpow, in der er gegen sechs Bundestagsabgeordnete spielte. Einige der Spieler waren uns Berlinern aus früheren Politikerturnieren sehr gut bekannt. Nach langen Jahren sah man wieder einmal Dr. Dietmar Bartsch am Schachbrett, den Fraktionsvorsitzenden der Linken. Ebenso konnte man den stets mit viel Freude und Kampfgeist agierenden Hans-Christian Ströbele beobachten, der trotz seiner siebenundsiebzig Jahre beim Simultan und in den Blitzpartien locker durchhielt. Der ehemalige Turnweltmeister am Reck, Eberhard Gienger, forderte beim Simultan den ehemaligen Schachweltmeister. Das hat man nicht oft. Als Schachspielerin war Katrin Werner 1991 bei der ersten Deutschen Jugendmeisterschaft nach der Wiedervereinigung in Magdeburg in der Altersklasse u20w dabei, hat sich später dann für den Weg in die Politik entschieden und ist aber an und an noch am Schachbrett anzutreffen. Als Mitglied im Sportausschuss des Bundestages setzte sich mit Özcan Mutlu ein sport- und schachbegeisterter Politiker ans Brett, der trotz vieler Termine am Abend für das Aufeinandertreffen mit Karpow ein wenig Zeit freigeschaufelt hat. Sechster Mann an Bord war Dr. Diether Dehm, nicht nur Politiker im Bundestag, sondern dem Einen oder Anderen sicher auch als Liedermacher bekannt und nach dem Abend auch als begeisterter Schachspieler.

Den knappen Zeitplan konnte Anatoli Karpow mit schnellem und erfolgreichem Spiel bedienen. Als Erster gaben sich Diether Dehm und Özcan Mutlu geschlagen. Nachdem auch Eberhard Gienger und Dietmar Bartsch die Gegenwehr aufgaben, kämpften nur noch Christian Ströbele und Katrin Werner. Nach der Aufgabe von Ströbele erreichte die einzige weibliche Gegnerin des Abends, Katrin Werner, eine nahezu ausgeglichene Stellung, was der Ex-Weltmeister mit einem Remis honorierte.

Anatoli Karpow 1:0 Özcan Mutlu
Anatoli Karpow 1:0 Dr. Diether Dehm
Anatoli Karpow 1:0 Hans-Christian Ströbele
Anatoli Karpow ½:½ Katrin Werner
Anatoli Karpow 1:0 Eberhard Gienger
Anatoli Karpow 1:0 Dr. Dietmar Bartsch
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30.05.2017

Karpow-Simultan vor 44 Jahren

Gerhard Mietzelfeldt (80) ist einer von zwei Ehrenpräsidenten des Berliner Schachverbandes, die beide zum Parlamentarierschachturnier der Partei Die Linke eingeladen wurden. In der Hoffnung mit der Schachlegende Anatoli Karpow ein paar Worte wechseln zu können, brachte er ein Heiligtum aus seiner Sammlung mit in den Bundestag: das Originalformular seiner Simultanpartie von 1973 mit der Unterschrift des damals 22-jährigen WM-Kandidaten Karpow.

Karpow spielte damals während der X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Ost-Berlin simultan. Gerhard gehörte mit einer jungen Dame zu den letzten übriggebliebenen Gegnern des Meisters. Weil der damals 36-Jährige nicht schnell genug zog, mahnte Karpow schon zur Eile. Und das obwohl er quer über den Platz laufen mußte, um zur anderen Partie zu gelangen. Als Gerhard die Partie aufgab, einigte sich Karpow mit der Dame auf der anderen Seite schnell auf Remis.

Am gestrigen Tag ließ sich Gerhard erneut eine Unterschrift auf dem Originaldokument geben. Karpow wird nicht schlecht geguckt haben, was ihm da hingehalten wurde.

Nachfolgend die Partie zum Nachspielen.

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01.08.1973

Frank Hoppe

Bundestag gegen Staatsduma

Nach einer kurzen Umbau-Pause mussten Dr. Dietmar Bartsch und Özcan Mutlu aus zeitlichen Gründen ersetzt werden. Das übernahmen gewissermaßen die Schachpolitiker: der zwei Tage zuvor neu gewählte DSB-Präsident Ullrich Krause, den sein erster Einsatz als Präsident nach Berlin brachte, um tagsüber die DSB-Geschäftsstelle zu besuchen und am Abend Gast beim Parlamentarier-Schach zu sein, und der Präsident des Berliner Schachverbandes, Carsten Schmidt, der die Verantwortlichen der Linken in der Organisation unterstützte. Beide waren für die Mannschaft des Deutschen Bundestags eine willkommene Verstärkung und holten insgesamt 11 von 12 möglichen Punkten (Krause 6/6, Schmidt 5/6).

Auf der russischen Seite kamen zum Einsatz: Alexander Schukow (Erster stellvertretender Vorsitzender der Duma und Präsident des russischen NOK, Einiges Russland), Pawel Savalny (Vorsitzender der Russisch-Deutschen Freundschaftsgruppe in der Staatsduma, Einiges Russland), Andrej Siwow (Verteidigungsattaché der russischen Botschaft in Berlin), Wladimir Kononow (Einiges Russland), Juri Afonin (Fraktion KPRF) und Alexej Burnaschow (Einiges Russland). Anatoli Karpow war in der Rolle des Team-Captains allerdings nicht tatenlos, sondern gab viele Interviews und seinen Mannschaftskameraden nach den Partien des öfteren ein paar kostenfreie Lehrminuten.

Ein Name kam einigen möglicherweise bekannt vor: Alexander Schukow war lange Zeit Präsident des Russischen Schachverbandes und sorgt nun für Ordnung in dem durch die Dopingvorwürfe der letzten Jahre durcheinandergerüttelten Nationalen Olympischen Kommitees Russlands. Er setzte sich in dieser Aufgabe schon mehrfach für Schach als olympische Disziplin ein und war auch mit 5/6 der erfolgreichste russische Spieler in dem Blitzturnier.

Nachdem die ersten vier Runden jeweils 3:3 endeten, mussten leider zwei weitere deutsche Politiker zu anderen Abendterminen und wurden ersetzt durch Brigitte Große-Honebrink, die Vorsitzende des SC Kreuzberg, und durch Michael Dombrowsky, der 2013 mit seinem Buch "Berliner Schach-Legenden" das Berliner Schach des letzten Jahrhunderts würdigte.

Da durch die Verstärkung weiterer erfahrener Schachspieler das Ergebnis eher verfälscht würde, hat Schiedsrichter Horst Metzing die Tabelle eingefroren und am Ende das Ergebnis 12:12 verkündet. 

Am Ende des Schachabends wurde durch den einladenden Dr. André Hahn, Mitglied der Deutsch-Russischen Parlamentariergruppe die Siegerehrung vorgenommen. In diesem Rahmen dankten Anatoli Karpow und Alexander Schukow den deutschen Gastgebern und luden zum Gegenbesuch nach Moskau ein. Schiedsrichter Horst Metzing gab die Ergebnisse bekannt. Hier erhielten die Deutschen Spieler eine Ehrenurkunde durch die russische Mannschaft sowie alle Teilnehmer ein Gruppenbild, das anfangs des Abends aufgenommen wurde. Damit die deutschen Politiker noch ein wenig üben können, wurde ihnen dank ChessBase als Präsent das Schachprogramm Fritz 15 überreicht. Allerdings haben auch die russischen Gäste ebenfalls das Programm erhalten. Beim abschließenden Empfang mit ein paar Snacks und Getränken wurden einige Gespräche geführt, Erinnerungen ausgetauscht und Planungen für weitere Zusammenkünfte gemacht. Wir danken nochmals, Teil einer wunderbaren und freundlichen Veranstaltung gewesen sein zu dürfen und sind gerne wieder dabei, um im Sinne des Schachs Events dieser Qualität zu unterstützen.

Bearbeiter: | | Archiv: BSV-Nachrichten | ID: 2670

Kategorie: Presse

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Kommentare

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Sebastian Müller am :

Das scheint eine sehr schöne Veranstaltung gewesen zu sein. Wie wichtig es doch ist, trotz aller Meinungsverschiedenheiten, im Gespräch zu bleiben. Ich denke auch Alfred Seppelt (als Vater der Politikerturniere) hätte das gut gefallen.

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