Wieder neue FIDE-Regeln

Blitz und Rapid nähern sich weiter der langen Partie

Die FIDE hat eine zweite Regeländerung veröffentlicht, die zum 1. Januar 2018 in Kraft tritt. Sie ist auf der Seite der Regelkommission veröffentlicht.

Eine kleine redaktionelle Änderung stellt klar, dass die neuen regelwidrigen Züge (beidhändiger Zug, Uhr ohne Zug gedrückt) den bisherigen gleichgestellt sind und keine neue Kategorie darstellen.

Die wichtigste Änderung: Auch bei Blitz und Rapid verliert – wie in der langen Partie – erst der zweite regelwidrige Zug; beim ersten Mal gibt es eine Zeitgutschrift von 2 (Rapid) bzw. 1 (Blitz) Minute für den Gegner. Der regelwidrige Zug kann wie bisher vom Schiedsrichter oder vom Gegner reklamiert werden, aber nur, solange der Gegner nicht seinerseits einen Zug ausgeführt hat.

Eine weitere wichtige Änderung, ebenfalls für Blitz und Rapid: Zwar muss ein Spieler wie bisher seine Uhr anhalten, um einen Gewinn durch Zeitüberschreitung zu reklamieren. Er muss dabei aber nicht mehr selbst Zeit übrig haben. Es zählt das erste gefallene Blättchen, sofern es feststellbar ist – bei elektronischen Uhren ist das immer der Fall. Lediglich bei mechanischen Uhren heißt beide Blättchen immer noch remis, wenn die Reihenfolge des Fallens unklar ist. Der Schiedsrichter MUSS künftig ein gefallenes Blättchen reklamieren, bisher durfte er nur.

Die neuen Regeln gelten ab dem 01.01.2018 für alle neu begonnenen Turniere. 

Bearbeiter: Christian Kuhn | | Archiv: BSV-Nachrichten | ID: 2894

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Kommentare

Dirk Paulsen am :

Ständig sich ändernde Regeln bedeuten, dass man a) weiterhin stets unzufrieden ist mit den bisherigen, b) dass es doch wieder und wieder zu Streitfällen kommt (in dem Fall: gekommen ist oder gekommen sein muss), c) dass es aus meiner Sicht ausgeschlossen ist, durch eine Vielzahl von Regeln (und deren Modifikationen, welche zugleich als Beweis für Stichhaltigkeit der hier getätigten Aussage dienen) Streitfälle auszuschließen, da d) diese nicht von einem lückenlosen Regelkomplex abhängen sondern von der Einstellung der Spieler. Die Einstellung wird allerdings durch unübersichtliche und vielfältige Regeln beeinflusst in dem Sinne, dass man ein eigenes Fairplay von diesen Regeln gut "kaschieren" kann. Sprich: man beginnt, sich auf dieses unübersichtliche Regelwerk zu stützen, welches man nicht einmal mehr richtig versteht anstatt seinen gesunden Menschenverstand zum Einsatz zu bringen, welcher in der Regel "vernünftige" Lösungen parat hätte.

Der größte Irrglaube: der Gedanke, wenn man ALLES in Regeln niedergeschrieben hat, ist irgendwann jeder Fall eindeutig zu klären. Genau dieser Irrtum führt zu diesen aus meiner Sicht irrwitzigen Kapriolen. Ich habe einige Schachturniere selbst durchgeführt und geleitet. Auf die Frage nach den Regeln lautete meine Antwort: "Wir spielen fair."

Konkret zu den Änderungen: ein unmöglicher Zug soll nicht mehr sofort verlieren? Kein schlechter Gedanke, da man in Verluststellung vielleicht so oder so verlieren würde, in Gewinnstellung aber ein derartiger Fauxpas alle vorherigen Mühen mit einem Schlag zerstört hätte -- früher -- und man jetzt eine zweite Chance bekäme. So oder so kann man das vielleicht nachvollziehen. Der Einwand ginge vor allem gegen die Umsetzung der Zeitgutschrift. Das könnte keiner der Spieler (und die meisten weigern sich sogar, die elektronischen Uhren so weit zu erlernen, dass man sie nach Beendigung der eigenen Partien wieder auf die Zeitbedingungen des Turniers zurücksetzt und können dies auch nicht, wenn eine neue Partie beginnt sondern fragen Nachbarn oder den Turnierleiter; als die Vorsitzende des SC Kreuzberg beim Monatsschnellturnier letzten Freitag kurz noch einmal dies für jedermann verständlich erklären wollte, bemerkte Daniel Holzapfel nach dieser Erklärung: "Also wenn man siebzehn Knöpfe gedrückt hat und zwar immer die richtigen, dann könnte es schon wieder losgehen." Selbst wenn es nur vier sind: durch die Zusatzerklärung "wenn es so steht, dann muss man allerdings"... kommt es aber der Wahrheit doch schon etwas näher). Aber nun eine Zeitgutschrift einzustellen? Bernhard Riess hatte als Turnierleiter des Schachfreunde Grand Prix einmal während des Turniers diese Aufgabe -- und zeigte sich ihr nicht ganz gewachsen (er erlernte das komplexe Unterfangen direkt im Anschluss an das Vorkommnis). Wenn man nun an die vielen kleineren Schnellturniere denkt, bei welchen häufig genug gar kein Turnierleiter verfügbar ist (da er das Turnier mitspielt), dann kann man nur das Schlimmste fürchten, was für mich dies wäre: mehr Streitfälle. "Der Zug ist illegal." "Äh, ach so, dann mach ich einen anderen." "Du hast aber meine Uhr schon gedrückt." "Trotzdem habe ich nicht verloren." "Ich bekomme eine Zeitgutschrift." "Du hast aber schon weiter gespielt." "Aber auf MEINE Zeit hast du den Fehler gemacht und ihn korrigiert." Und so weiter.

Der Pflichteingriff des Schiedsrichters ist für mich ebenfalls bedenklich und lange nicht der Weisheit letzter Schluss. Falls es sich feststellen lässt, wer zuerst überschritten hat, dann hat derjenige verloren? Auch nicht optimal. Denn: bei vielen derartigen Zeitnotschlachten mit abwechselnd irregulären, aber nicht reklamierten Zügen, war der Remisschluss die bessere Lösung. Nun soll einer zum Sieger erklärt werden, wie bei So- Dominguez, als Dominguez gar nicht gewonnen haben wollte, aber zum Sieger erklärt wurde, "Sieger wider Willen." Nein, da ist gar nichts rund daran.

Andreas Lange (SCK) am :

Die Schachregeln sollen dem Schachspiel dienen. Ich meine, die Vereinfachung des Begriffs regelwidriger Zug und gleichzeitig eine Liberalisierung in Richtung weiterspielen dürfen folgen diesem Sinn.
Die FIDE-Regeln idealisieren eine Spielumgebung, die in der Tagespraxis nur in Anlehnung eingehalten werden kann. Fußballspieler, die eine gelbe Karte für den Gegner fordern, handeln unsportlich. Da kann ich beim schiedsrichtern Analogschlüsse ziehen. Das Urteilsvermögen der Spielleiter/Schiedsrichter ist daher weiterhin gefragt.
Bis Januar sollte das mit dem Zuschlag im Blitz und Schnellschach bei verschiedenen Uhren in den Vereinen auch klar gehen. Die Regel gab es ja schon länger. Peinlich finde ich die Konsumhaltung vieler Spieler bei Turnieren, die verlangen, Spielleiter müssten jede Uhr perfekt programmieren können, selbst aber nicht einmal die Uhr starten können.

Veit Godoj am :

Jede Bürokratie hat die Tendenz, sich durch selbstinduzierte Ausweitung zu verstärken um sich dadurch unentbehrlich erscheinen zu lassen und den eigenen Fortbestand zu sichern. Dabei gilt auch: Was anfangs noch rational ist, überschreitet durch fortlaufende Verbesserungen irgendwann die Trennlinie zum Irrationalen.

Stimme SF Paulsens Beitrag zu.

Horst Schrodt am :

Wir werden am 1. Mai wieder unser offenes Blitzturnier durchführen.
Und ich werde erstmals von den FIDE-Regeln abweichen.
Es wird mit Sicherheit beim Blitz keine Zeitgutschrift geben!
Und es wird bei diesem Turnier damit weiterhin der erste unkorrekte Zug verlieren.
Diese Regelung für Blitz (Für Schnellschach kann ich es noch nachvollziehen) können nur Leute ersonnen haben, die diese nicht in der Praxis anwenden müssen.
(Oder die für jedes Brett einen Schiedsrichter zur Verfügung haben.)
Auch wenn man die Zeitgutschrift ohne Nachdenken einstellen kann, würde ich eine knappe Minute veranschlagen. Der Spieler sieht den regelwidrigen Zug, hält die Uhr an, ruft den Schiedsrichter.....Zum Brett gehen, den regelwidrigen Zug zeigen lassen, die Uhr nehmen, die Zeitgutschrift einstellen, die Uhr abstellen, die Uhr in Gang setzen. Plus 1 Minute längere Bedenkzeit...
3 Züge später macht der Gegner einen unkorrekten Zug (Ok, etwas an den Haaren herbeigezogen.)
Allein das ist eine Karikatur des Begriffs Blitz.
Und ich denke, für viele ist dieser sofortige Gewinn/Verlust ein Reiz, der das Blitzschach bunter und packender macht?
Und ich wünsche mir, das viele Turnierorganisatoren ähnlich auf diesen ....... reagieren.
Und ich gebe meinem Vorredner recht: Eine Überregulierung ist das Ende der Freude an diesem.

Paul Meyer-Dunker am :

Unbhängig davon, wie ich diese Änderungen finde könnten diese ganzen Änderungen eventuell ja zumindest zwei gute Sache bewirken: Nämlich dass viele Schachspieler*innen sich mit den Regeln und mit den Geräten die zur Ausübung ihres Sports unerlässlich sind eventuell einmal genauer außeinandersetzen.

Herbert Mayer am :

Ich fürchte, hier beginnt wieder eine unendliche Diskussion, die zu nichts führt und nichts ändert. Ansonsten stimme ich Horst Schrodts Überlegungen voll zu und spitze das zu: Die Ausschreibungen für ihre Blitz- und Schnell-Turniere können die Vereine entsprechend modifizieren, so dass die FIDE-Regel xy nicht gilt. Bei der BMM ist das doch auch so. Und wo die FIDE-Regeln voll gültig bleiben, muss man sich daran halten, ob einem das passt oder nicht.

Christian Kuhn am :

Man kann das so machen wie Sfr. Schrodt. Emotional stimme ich auch durchaus zu, dass Blitz immer ein anderes Spiel wie Turnierschach war und dass dieser besondere Charakter mit dieser Regeländerung verloren geht. WENN man das „alte“ Blitz spielen möchte, sollte man aber deutlich in der Ausschreibung darauf hinweisen. Dass dann keine Blitz-ELO-Auswertung möglich ist, wird die wenigsten Veranstalter interessieren. Aber bei einem Turnier, das als Blitzschachturnier ausgeschrieben ist, gelten die neuen Regeln ab 1.1., wenn nichts anderes in der Ausschreibung steht.

Olaf Kreuchauf am :

Eines Tages führt das "International Chess Association Board" vielleicht noch den Videobeweis ein?! Und dann wird in Köln entschieden? (Nicht ganz ernst gemeint.)

Die ständigen Änderungen in kurzen Zeitabständen machen das Amtieren der Schiedsrichter schwerer und Schiedsrichter wie Spieler unsicher. Ich bin aus diesem Grunde ebenfalls sehr dafür, dass die Blitz-Veranstalter beim Althergebrachtem bleiben und ggf. FIDE-Vorgaben in der Ausschreibung außer Kraft setzen.

Christoph Barsch am :

Kennt jemand das Spiel Schummelließchen ?
(Wenn nicht -Googelt es bitte nach).
Jetzt darf nach Herzenslust betrogen werden -
wenn es auffällt ist es beim ersten Mal straflos
bzw. wird belohnt. TIPP von mir:
Schwierige Stellung und wenig Zeit ? Einfach verkehrten
vorteilhaften Zug machen
1) Gegner merkt es nicht - Vorteil
2) Gegner merkt es ? Er muss die Uhr anhalten reklämieren und den Schiri holen, der denn die Uhr neu stellen muß - Ihr habt plötzlich genug Zeit (!) den besten Zug zu finden.

Thomas Binder am :

Beidhändig zurückstellen und einhändig noch mal ausführen ;-) Aber der Hinweis von Sfr. Barsch erscheint mir doch sehr bedenkenswert.

Dirk Paulsen am :

Der erste Kommentar zum Thema "Neue Regeln" stammte von mir. Die Frage, welche sich mir deshalb stellt, lautet zunächst so: Wie wäre diese Diskussion verlaufen, wenn ich nicht (als Erster oder auch gar nicht) geschrieben hätte?
Warum diese Fragestellung? Weil aus meiner Sicht recht aggressiv argumentiert wird. Motto in etwa: "Alles Blödsinn."
So war das von mir aus nicht gemeint und auch nicht zu verstehen. Aus meiner Sicht hilft ein auch noch so ausgeklügeltes Regelwerk NICHT, vorsätzlich ausgeübte Unsportlichkeit aus der Welt zu schaffen. Diese These vertrete ich allerdings keineswegs erst seit dieser letzten Regeländerung.
Eine Folgeerscheinung, der Illusion nachzugehen und immer feinere Regelmodifikationen -- welche letztendlich nur zu erhöhter Vielfalt führen -- einzuführen ist sogar der gegenteilige Effekt. Dadurch, dass man meint, dass alles in den Griff zu bekommen, verschafft man den Spielern selbst sogar ein Alibi. "Das steht aber so in den Regeln." Selbst wenn es unsportlich erschiene und man es "intuitiv" nicht so auslegen oder auffassen würde. Deshalb das von mir zitierte Beispiel bei von mir veranstalteten Turnieren. "Wir spielen fair." Mehr muss man dann eigentlich nicht mehr sagen anstatt auf das komplexe und undurchsichtige sowie unschlüssige Regelwerk zu verweisen.
Für mich war das ebenfalls angeführte Beispiel der Partie So - Dominguez eigentlich nicht nur Beispiel sondern beinahe als (unvorteilhafter) Präzedenzfall verwendet bei Niederschrift der neuen Regeln. Der Schluss der Partie war so (für den, der es nicht live gesehen hat und auch kein Video darüber findet; es war natürlich mit verkürzter Bedenkzeit, also kein Turnierschach). So hatte durchgehend einen Vorteil, welchen er bis ins Turmendspiel behielt. Dort war es noch immer ein Bauer, aber die Zeichen standen sehr deutlich auf Remis. Es wurde OHNE Inkrement gespielt. Er hatte aber immer noch eine Idee und erzielte hauchdünne Fortschritte. Zugleich hatte er auch ein paar Sekunden mehr auf der Uhr. Legitim also, es weiter zu versuchen. In einer Stelle verlor er plötzlich den Faden und zugleich ein paar Sekunden und machte zugleich einen unkontrollierten Zug, wo sogar eine Figur umfiel. Die Zeit war danach im Gleichgewicht, bei vielleicht 18 Sekunden pro Nase, die Stellung nun deutlich Remis. Keiner hatte die Zeit, Remis in vorbildlicher Form anzubieten (mache deinen Zug mit Bedacht, drücke die Uhr, flüstere das Wörtchen). Das geht einfach nicht. Man zieht und zieht. BEIDE zogen mehrfach irregulär. So mit beiden Händen und sogar im Stehen (ist DAS erlaubt? Wieso nicht gleich mal einen neuen Paragraphen aufnehmen?). Aber auch Dominguez fielen Figuren um und die Figuren landeten keineswegs mittig auf den Bestimmungsfeldern -- falls man überhaupt noch ein klares Ziel hatte. Irgendwann schlug Dominguez den Turm von So, von d6 nach h6, allerdings stand weder jener noch dieser Turm etwa klar auf den Feldern. Vielleicht wackelten sie sogar noch vom Zug davor. Jedenfalls hatten irgendwann beide 0 Sekunden auf der Uhr und schüttelten sich ganz friedlich-freundlich die Hände. Remis, was auch sonst? Nur kam jetzt das verhängnisvolle Intermezzo: das Video zeigte, dass So´s Zeit auf 0 war, als Dominguez noch eine Sekunde hatte. Per (unrühmlichem) Videobeweis wurde Dominguez zum Sieger erklärt. Der Präzedenzfall war geschaffen. "Wenn man also eindeutig klären kann, wer verloren hat, dann hat der auch tatsächlich verloren." Finde ich leider Unsinn, vor allem, weil Remis einfach das einzig passende Ergebnis ist, zugleich das friedliche, wie man es auch so schön bezeichnet. Kein Krieg, Frieden.
Ich erwähne nur noch ein weiteres Mal den Fall, welcher bereits beim Schachclub Kreuzberg von mir genannt wurde und welcher so nicht in das unschlüssige (neue) Regelwerk passt: der Schiedsrichter durfte zuvor eingreifen und Zeit reklamieren, nun muss er es gar. Ein müssen kann ich ohnehin nicht akzeptieren, denn nun müssen Sanktionen her bei Unterlassung. Gehört aber hier nicht her. Wenn jedoch ein Spieler die Zeit überschritten hat, der Gegner dies nicht bemerkt, und er im nächsten Zug mattgesetzt wird. Wie ist diese Partie zu werten? Matt beendet die Partie, unmittelbar. Videobeweis (oder ein in der Ferne stehender Schiedsrichter, welcher seiner Pflicht nachkommen wollte und gerade "Zeit" durch den Turniersaal brüllen wollte) nimmt dies zurück. "Nein, als du matt gesetzt hast, hattest du 0 Sekunden auf der Uhr. ICH habe gewonnen." Nein, so oder so schmeckt es mir nicht und wird weitere Änderungen nach sich ziehen (müssen).

Horst Schrodt am :

Mein Beitrag wäre der gleiche gewesen, denn den hatte ich schon beim Frühstück im Kopf.
Mit Ausnahme des letzten Satzes, der bezieht sich tatsächlich auf den 1. Kommentar (das in der Zeit, in der ich meinen Beitrag geschrieben habe, zwei Kommentare dazwischen kamen, ahnte ich nicht.)
Diesmal möchte ich mich aber auf 2 Punkte im Beitrag von Dirk Paulsen beziehen.
Ich bin durchaus der Meinung, und setze das auch um, wenn es die Atmosphäre zulässt, das man die Regeln "menschlich" anwendet.
Ich kenne die angeführte Partie nicht, werde sie mir auch nicht ansehen, aber ich möchte etwas aus dem Kommentar zitieren:
"im Gleichgewicht, bei vielleicht 18 Sekunden pro Nase, die Stellung nun deutlich Remis."
Haben die beiden nach dem Prinzip "Wir spielen fair." gespielt?
Ich denke, in dem Fall hätte keiner Remis förmlich anbieten müssen (aber durchaus können), sondern zwei faire Spieler hätten sich in der Situation angesehen und sich die Hände gereicht zum Remis! Demzufolge bin ich der festen Meinung, das zumindest einer der Beiden die Partie unbedingt über die Zeit (oder Patzer des Gegners) gewinnen wollte, ihm Fairniss in Form eines Remis sicher unwichtig war.
(Nebenbei, ist meine persönliche Meinung, Entscheidungen über die Zeit gehören zum Blitzschach, sind ein Teil des Reizes.)
Damit bin ich bei dem zweiten Punkt, auf den ich mich beziehen will:
Ich halte die neuen Regeln nicht für "Blödsinn" oder "Unsinn", sondern für schädlich für das Blitzschach, weil es ihm Wesentliches seines Charakters nimmt.
Um mich noch auf den Beitrag von Christian Kuhn zu beziehen.
Natürlich gehört es in die Ausschreibung und es steht natürlich jedem Turnierleiter frei, was er in seine Ausschreibung schreibt.
Und es steht dann auch jedem Spieler frei, ob er an diesem Turnier mit den festgelegten Regeln teilnehmen möchte oder nicht.
Und um falschen Einschätzungen vorzubeugen:
Ich habe absolut nichts dagegen (steht mir auch sowieso nicht zu), wenn jemand ein Turnier nach den neuen Regeln durchführt!
Ich habe nur geschrieben, das es die neuen Regeln bei Turnieren, für die ich Verantwortung trage, nicht geben wird.

Dirk Paulsen am :

Als Reaktionen zum Kommentar von Horst Schrodt: was mir immer wieder auffällt ist, dass diese Art des Austausches im Internet zu einer kuriosen Form von "Schärfe" führt. Wenn man sich im Gespräch austauschen würde, dann würde dieses sicherlich recht bald zu einer äußerst friedlichen Übereinkunft führen.

Ich stelle mir halt immer mal so ein paar Fragen und die Erfahrung lehrt einen über die Jahrzehnte, dass man entweder mehr Fragen stellt (man "hinterfragt" mehr) oder diese Fragen etwas anders ausfallen als gewöhnlich. So bekommt man dann in der Kindheit den Stempel "du machst alles immer so kompliziert" -- und trägt diesen weiter mit sich herum, ohne grundsätzlich gegen diese Eigenschaft etwas tun zu können. Der einzige Unterschied im Laufe der Jahre: man MÖCHTE auch gar nichts mehr dagegen tun. Man ist, wie man ist -- und findet sich nicht nur damit ab sondern kann dem vielleicht sogar etwas abgewinnen.

Diese schlichte Frage "wie wäre die Diskussion verlaufen...?" ist eben eine derartige. Der ausgelöste Reflex des Lesenden, welcher bereits kommentiert hat: "Das hätte ich so oder so geschrieben." Denn weiterhin gilt: ein Mann, ein Wort. So gedacht, so aufgeschrieben, kein Zusammenhang. Falls ich nun einen interpretieren würde: kann nicht sein, würde so oder so abgestritten. Aber: ich behaupte dies ja gar nicht. Es ist denkbar, dass es anders verlaufen wäre. Es ist sogar aus meiner Sicht ziemlich sicher. Wie genau? Man weiß es nicht.

Eine weitere Überlegung geht in diese Richtung: ob nun nur hierzulande oder weltweit zu beobachten: irgendwo gibt es eine gewisse Scheu vor Veränderungen. Meist ist das altbewährte zwar nicht unbedingt perfekt, aber immerhin das "haben wir immer so gemacht -- und es klappte ja irgendwie" ist ein kaum von der Hand zu weisendes Argument. Insofern ist eine kleine Änderung, selbst wenn es die Tendenz zur "Verbesserung" hätte, nicht einmal ernsthaft eine Option. Gefragt wären nur ERHEBLICHE Verbesserungen. Ansonsten: Gegenwehr. "So bringt das doch gar nichts." Und selbst wenn ein Mü besser: hätte man sich lieber sparen sollen, aus all den möglichen genannten Gründen.

Zur Partie So - Dominguez: es gibt keinerlei Notwendigkeit, sich diese Partie anzuschauen. Sie war rein schachlich gesehen keineswegs übertrieben wertvoll. Wie geschildert, hatte der Großmeister Wesley So durchgehend einen klaren Vorteil, welcher sich durch gute Verteidigung zunehmend reduzierte. Die Stellung war remis. Es hätte vielleicht diesen Moment zur Übereinkunft gegeben, als die Zeit runter tickte, beide aber noch eine Art von übergeordnetem Reaktionsvermögen hatten, welches dann von Vernunft gesteuert wäre. Nur: auch die Kommentatoren staunten über die Gewandtheit, mit welcher So sogar in der Remisstellung dennoch weiterhin kleine Probleme stellte sowie kleinere Fortschritte erzielte. Dazu war sein Vorteil auf der Uhr, welcher vielleicht nur im Sekundenbereich lag. Man muss dazu nun wissen, dass dieser Austragungsmodus eine Art Rückschritt war, auf welchen sich die Teilnehmer jedoch -- vermutlich angesichts der erheblichen Preisgelder -- gerne eingelassen haben: keine Zeitgutschrift pro Zug. Also das gute alte klassische Blitzen (ich war bei der ersten Deutschen Blitzmeisterschaft dabei, als elektronische Uhren verwendet wurden; damals mehr als gemischte Reaktionen, und, siehe oben, eher eine mehrheitliche Ablehnung dessen), bei welchem man seinen Gegner herrlich und fast ohne Figuren "über die Zeit prügeln konnte." Ein Gegner in Jugendzeiten (Jörg Grupe, aus Karlsruhe) sagte beim Blitz dann immer, in hübschem badischem Akzent "Nimm du nur" wenn man einen weiteren Bauern oder eine Figur schlug. "Nimm du nur, das kostet Zeit und ich gewinnen DESHALB" stand dahinter. Was hat das mit Schach zu tun? Rein gar nichts.
Nun gut, die Teilnehmer hatten sich darauf eingelassen und es war ein Rückschritt, dennoch nicht ganz ohne Spektakel oder auch interessante Momente. So hatte also seine Fortschritte erzielt und man dachte mehr als einmal: "Moment, jetzt kann er ja wirklich gewinnen?" Dann war es aber doch Remis, und, wie in meiner ersten Schilderung vielleicht nicht ganz deutlich wurde, hatte er plötzlich diesen einen Aussetzer, gefolgt von einer Art Kontrollverlust. Gar nicht gezogen, dann nicht gut gezogen, Stellung und Zeit eingebüßt, Remis. Nur hat genau in dem Moment jegliche Vernunft ausgesetzt. Es wurde beiderseits nur noch gezogen. Da kann man einfach nicht mehr Remis anbieten. Abgesehen davon lag So zurück im Match und wollte irgendwann mal aufholen.

Es gibt hier noch einen sehr wichtigen Aspekt: So war im Interview danach absolut ruhig und entspannt und hat sich viel eher mit seinen Zügen beschäftigt als mit der Schiedsrichterentscheidung. Nicht nur in dem Falle ein Zeichen von Größe sondern viel eher Ausdruck dessen, was all diese Leute an der Weltspitze auszeichnet: maximale Objektivität sowie beeindruckende Ruhe und Klarheit im Denken. Das Aussetzen derselben in dem einen Moment war ein Einzelfall, vermutlich aufgrund der dann in dem Moment doch ungewohnten Zeitbedingungen.

Ich vermute, dass ein "benachteiligter" Amateurspieler wohl kaum so ruhig und besonnen reagiert hätte. "Das war Remis, er hat mir ja sogar die Hand gereicht." Und sich darüber mehr und mehr empört. Die Folge war übrigens: das Match war an dem Tag noch nicht beendet. So kam am nächsten Tag zu einer Serie beeindruckender Siege und hat das Match gedreht. Wohl auch als Folge dieser Art der Besonnenheit? Ein anderer Spieler hätte vielleicht die Nacht schlecht geschlafen und mit dem Schiedsrichter und seinem Lebensglück gehadert -- und dies als Erklärung für die baldig erfolgte Niederlage herbei bemüht.

Horst Schrodt am :

Ich stimme dem ersten Absatz von Dirk Paulsen vollkommen zu.
Denn das Geschriebene klingt wirklich schärfer als es gemeint war, weil manche der Gedanken, die man im Kopf hat und diesem die Schärfe nehmen würde, nicht im Text erscheinen. Und es fehlt die Mimik, die sicher manches besser zum Ausdruck bringt, wie man es meint.
Vielleicht ergibt sich mal ein persönlicher Austausch. Hier sind es aus diesen genannten Gründen meine letzten Sätze zu diesem Thema.

Frank Hoppe am :

Anmerkung zu den gelöschten Kommentaren

Bitte vermeidet Kommentare mit offensichtlich anonymen Namen/E-Mail. Wer zu seinem Kommentar nicht mit seinem Namen steht, sollte darauf verzichten, überhaupt etwas hier zu posten.

Christian Kuhn am :

Ich kenne die Partie So - Dominguez nicht, muss mir aber anscheinend mal das Video suchen. Wenn Dirk die Situation richtig und vollständig beschrieben hat und die (noch) geltenden FIDE-Regeln in der Turnierausschreibung nicht abgeändert wurde, hat der Schiedsrichter falsch entschieden. Nach den neuen wäre es richtig, aber die gelten erst im nächsten Jahr. Aber so, wie selbst auf diesem Niveau noch einzügige Einsteller vorkommen, kommen auch auf diesem Niveau schiedsrichterfehler vor.

Andreas Lange (SCK) am :

Lieber Horst Schrodt,
http://www.schachclubkreuzberg.de/?p=500913
dürfte in Ihrem Sinn sein.
Lieber Herbert Mayer,
bitte fürchten Sie sich nicht.
Lieber Christoph Barsch,
da ist was dran.

Horst Schrodt am :

Danke!
Besser als beim SCK kann man es kaum beschreiben!
100% in meinem Sinne.

Christian Kuhn am :

Das haben die Kreuzberger so gut dargestellt. Im Verband rechne ich damit, dass die neuen FIDE-Regeln angewandt werden, da will man ja ELO-Auswertung auch bei den kürzeren Bedenkzeiten. Ich vermute, dass ich auch die Turniere bei Lasker nach den jeweils aktuellen FIDE-Regeln spielen lasse, das ist aber noch nicht entschieden. Und andere machen das so, wie sie das für richtig halten. Beim Rapid ist das ja noch nicht so lange her, dass der erste regelwidrige Zug verliert, vll will da ein Verein die neuen Regeln anwenden (die ja dann wieder z.T. die alten sind), beim Blitz aber weiterhin den ersten regelwidrigen Zug verlieren lassen und ein Remis auf Zeit erlauben.

Auf ein Problem möchte ich dabei hinweisen: Es gibt Schachfreunde, die Turniere nicht nur in ihrem Verein mitspielen. Die werden es sich nicht alle merken können, wo welche Regeln gelten. Daher bitte ich: Weist nicht nur in der Ausschreibung (da muss es sein), sondern auch bei Turniereröffnung darauf hin, welche Regeln gelten. Weist auch jeden Nachzügler darauf hin. Und weist darauf hin, dass ihr von den offiziellen Regeln abweicht und Hausregeln anwendet. Ansonsten gibt es irgendwann ein Sammelsurium verschiedenster Regeln nebeneinander, und außer ein paar von uns Fachleuten hat niemand mehr den Überblick. Das wäre kein guten Zustand.

H. Mayer am :

Christian Kuhn@ Sehr treffend die Lage dargelegt, insbesondere die Folgen in den Vereinen!

Matthias Kribben am :

Meines Erachtens war diese Änderung der FIDE-Regeln äußerst sinnvoll, wenn nicht geradezu dringend notwendig!
Ich fand es immer extrem unschön, wenn z.B. ein ungeübter Spieler in einer Schnellpartie in der Eröffnungsphase versäumte, seinen König aus dem Schach zu ziehen und dafür so hart bestraft wurde, dass er nicht nur eine Null kassierte, sondern fast eine Stunde auf die nächste Partie warten musste. Und auch der Gegner musste eine Stunde warten, bis es für ihn weiter ging. Wenn wir als Sport ernst genommen werden wollen, dann darf es so etwas nicht geben.
Das Thema der Zeitgutschrift ist ist ja lediglich ein technisches Problem. Da wird die Uhren-Industrie schon etwas passendes entwickeln und sei es, dass auf jeder Seite ein Knöpfchen angebracht wird, welches auf Druck die Rest-Bedenkzeit um eine Minute erhöht.

Andreas Lange (SCK) am :

Lieber Herr Kribben,
ich korrespondierte vor einigen Wochen mit einem bekannten Hersteller von Schachuhren. Eine WLAN-Uhr mit Ferneinstellung/Start aller Turnieruhren gleichzeitig (ohne Fehler) und individuell sendbaren Zeitkorrekturen per App fand man recht interessant. Einfach abwarten. Demnächst bestimmt im Shop irgendwo.

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