Schachbücher in deutscher Sprache erscheinen viel zu selten, die Blütezeit ist eindeutig vorbei. Bücher über Eröffnungen stellen teilweise eine Ausnahme dar, doch dominieren Publikationen in englischer Sprache.
Manfred Mädler tut etwas dagegen. Der Schach-Händler und Verleger kann wahrscheinlich nicht anders. Mit der Edition Mädler im Joachim Beyer Verlag hat er es sich zur Aufgabe gemacht, wichtige Schachbücher in kleinen Auflagen noch einmal herauszubringen. Milan Vidmars "Goldene Schachzeiten" ist der erste Band in dieser Reihe. Weitere Titel in unregelmäßigen Abständen sind geplant.
Mit der Neuauflage von Milan Vidmars "Goldene Schachzeiten", zuerst veröffentlicht im Walter de Gruyter Verlag 1960, wird dem Schach wieder etwas zurückgegeben, was dabei war, in Vergessenheit zu geraten. Über das goldene Zeitalter der Vorkriegszeit im Schach weiß ja heutzutage kaum jemand mehr etwas zu berichten. Es ist die Ära aus Stefan Zweigs "Schachnovelle", als es nur wenige Meister gab, und diese mit Ozeandampfern zu Turnieren nach New York reisten.
Milan Vidmar, Österreicher in Ungarn, Elektroingenieur und Schachgroßmeister, in der Jugend im Zweispalt zwischen Schachlaufbahn und bürgerlicher Karriere, ist ein ehrgeiziger, weltläufiger und reflektierender Autor. Manche sollen ihm eine gewisse Hochnäsigkeit nachgesagt haben, doch das spiegelt sich in seinen Erinnerungen nicht wieder. Das ist die besondere Qualität dieses Titels: Man braucht den Autor nicht zu mögen, um Gefallen an den Schilderungen wahrlich goldener Zeiten zu finden. Er tritt in seiner Persönlichkeit zurück und lässt vor allem den Inhalt sprechen.
Die Thesen, die Vidmar den Erinnerungen und Anekdoten über Aljechin, Tarrasch und Kollegen beistellt, sind immer noch sehr aktuell. Thesen zum möglichen Remistod im Schach, ferner die Frage, ob Schachprofessionalität überhaupt erstrebenswert ist und Überlegungen zur inflationären Abwertung des Großmeistertitels haben die Meister damals beschäftigt und sind auch heute noch relevant. Für heutige Leser spiegelt sich die gegenwärtige Situation des Schachs in diesen Punkten erstaunlich deutlich in der Vergangenheit.
Wie Michail Botwinnik war auch Vidmar als Elektro-Ingenieur erfolgreich, doch war Vidmar auch als Techniker ein Großmeister seines Fachs. Flüssig und getragen, elegant und erfrischend selbstbewusst zeigt sein Stil eine gesetzte Haltung der Welt gegenüber. Auch Partien gibt der Autor zum Besten, sich kokett rechtfertigend, aber wenn sich auch Tarrasch und Aljechin zu seinen Partien durchaus anerkennend geäußert haben, wird er sie auch mit Stolz präsentieren dürfen.
Trotz der Aktualität seiner Kernthesen stehen vor allem anderen die Erinnerungen im Vordergrund. "Wo sind meine Gefährten jener herrlichen Zeit der Schachgeschichte: Capablanca, Aljechin, Réti, Nimzowitsch, Bogojubow, Spielmann, Tartakower, Lasker, Tarrasch, Tschigorin, Schlechter, Pillsbury, Janowski, Maroczy? (…) Ich bin also allem Anschein nach der letzte der heutigen Schachwelt erreichbare Berichterstatter aus der Schachepoche, die schon weit in der Vergangenheit begraben liegt. Hat es überhaupt einen Sinn, dass ich berichte, wird mir die heutige Schachwelt zuhören wollen?
Nun, ich glaube der Schachwelt nicht nur einen Bericht über den Zeitabschnitt, in dem ich im hohen Schach mitgewirkt habe, schuldig zu sein, ich muss sie auch warnen. Meine alten Augen sehen immer noch viel, sie wissen nicht nur, wie es war, sondern auch, wie es heute ist; meine gesammelten Erfahrungen lehren mich, dass das hohe Schach sehr lebendig war und noch ist, dass es als ein eigenartiges Lebewesen gesund und krank, blühend und verfallend sein kann, dass es seine Poesie, seine Philosophie hat, dass es Verführungen entwickelt, die ein menschliches Leben vergeuden wollen, andererseits aber unvergleichliche Genüsse bietet, wenn es rein genossen wird."
In der ersten Episode über das Turnier in Nottingham 1936 heißt es:
"Ich bin in diesen meinen Erinnerungsbildern ein wenig vom Weg abgewichen, und Aljechin steht immer noch in Nottingham, ein abgegriffenes Buch in der Hand, vor mir, vor uns, die wir etwas Interessantes erfahren sollten. Dass es eine Partie sein wird, war uns klar. Wir erwarteten eine Eröffnung, wie sie damals immer noch üblich war und niemand von uns dachte eigentlich an solche Eröffnungssprünge, wie sie Nimzowitsch erfand und vorführte. Wir sollten sehr bald enttäuscht bzw. überrascht werden. Aljechin, in der Pose eines hohen Priesters, fing an:
1.c2-c4
"Einen Augenblick", riefen wir fast einstimmig, "wer ist Weiß und wer ist Schwarz?" "Das werden Sie schon erfahren", sagte Aljechin. "Führen Sie nur schön die Züge aus."
Wir ließen uns beschwichtigen und schauten zu. Wir sahen die noch folgenden Züge bis zum 9. Zugpaar:
1. ... e7-e6
2. e2-e3 Sg8-f6
3. Sg1-f3 d7-d5
4. d2-d4 Lf8-e7
5. Sb1-c3 0-0
6. Lf1-d3 b7-b6
7. c4xd5 e6xd5
8. Sf3-e5 Lc8-b7
9. 0-0 c7-c5
"'Donnerwetter', sagte ich mir, das ist ja hypermodern' (…) Ich weiß natürlich nicht, wie es Aljechins Zuschauern erging, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mir eine erstklassige Partie vorgeführt wird, die von beiden Seiten - wenigstens bis zum 30. Zug - auffallend sauber gespielt wurde. Selbstverständlich sah ich, dass Schwarz planmäßig einen mächtigen Angriff ins Rollen brachte, sah aber auch, dass Weiß auf dem Königsflügel Angriffsunternehmungen in Szene zu setzen verstand. Es war und ist auch heute, wenn ich diese Züge nachspiele, für mich ein erlesener Genuss zu beobachten, wie die Kampfwaage sich auf und ab bewegt und den Königsflügel gegen den Damenflügel in Geltung zu bringen versucht.
1.c2-c4 e7-e6
2.e2-e3 Sg8-f6
3.Sg1-f3 d7-d5
4.d2-d4 Lf8-e7
5.Sb1-c3 0-0
6.Lf1-d3 b7-b6
7.c4xd5 e6xd5
8.Sf3-e5 Lc8-b7
9.0-0 c7-c5
10.Lc1-d2 Sb8-c6
11.Se5xc6 Lb7xc6
12.Ta1-c1 c5-c4
13.Ld3-b1 b6-b5
14.Sc3-e2 b5-b4
15.Se2-g3 a7-a5
16.Tf1-e1 a5-a4
17.Sg3-f5 a4-a3
18.e3-e4 a3xb2
19.Tc1-c2 Lc6-a4
20.e4-e5 Sf6-e8
21.Dd1-g4 La4xc2
22.Lb1xc2 Ta8-a6
23.Sf5-h6+ Ta6xh6
24.Ld2xh6 Dd8-a5
25.Te1-f1 Da5xa2
26.Dg4-f5 g7-g6
27.Df5-d7 b4-b3
28.Dd7xe7 Se8-g7
29.Lc2-b1 c4-c3
"Nun sagen Sie aber doch endlich, Aljechin, wer das gespielt hat?" schrien wir, als er beim 29. Zuge angelangt war. Aljechin hatte ein feines Lächeln aufgesetzt. Auch eine Kunstpause hatte er eingeschoben, aber schließlich sagte er mit seltsamer Betonung: "Das, meine Herren, was Sie eben vorgeführt bekamen, ist der Anfang der Partie zwischen J. Mason und I. H. Zukertort aus dem berühmten großen Turnier, das im Jahr 1883 in London gespielt wurde, und Zuckertort einen unerhörten Erfolg, natürlich mit dem ersten Preis gekrönt, einbrachte."
Partie nachspielen
"Das, was ich in der Hand habe, dieses abgegriffene Buch", fuhr er fort, "ist das Turnierbuch aus dem Jahr 1883. Es sind noch einige Exemplare zu haben. Es ist eine Fundgrube großartiger Partien, es enthält allerdings auch einige recht minderwertige Spiele. Sie sehen, meine Herren, dass wir im Unrecht sind, wenn wir heute, im Jahr 1936, von oben herab auf die Zeit zurückschauen, die ein halbes Jahrhundert zurück in der Vergangenheit liegt."
Nach dem Studium verschlägt es Vidmar zunächst von Wien aus in die Provinz, dann nach Budapest. Der neue Chef ist selbst Schachliebhaber, motiviert Vidmar aber nachdrücklich, seinen Talenten in der Transistoren-Technik zu folgen, und Vidmar hat Erfolg. Erstaunlich bildhaft spiegelt sich die Ingenieurs-Intelligenz des Fabrikbesitzers in dessen Vorliebe für die Komposition von Schachproblemen, deren Lösung viele Züge erfordern, in der Regel sind es Mattaufgaben mit ca. 250 Zügen.
Vidmar hatte die Probleme von seinem Arbeitgeber manchmal mit ins Wochenende bekommen und löste und kommentierte sie. Die ausführliche Lösung und Vidmars genaue Beschreibung der Mechanik dieses Rätsels sind auf dieser gesonderten Seite wiedergegeben (
Leseprobe).
Wie schade, dass nicht mehr Meister ihre Erinnerungen festgehalten haben, aber nicht von allen hätten wir ein solches Buch erhalten. Der Autor hat dem Werk die Absicht vorangestellt, den nachwachsenden Generationen etwas weitergeben zu wollen. Es spricht auch Verantwortungsbewusstsein daraus, zum Glück kommt noch Humor dazu. Ein gutes Buch.
(Zur Verfügung gestellt vom
Schachhaus Mädler)
Bewertung
Autoreninfo
Fernando Offermann,
geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.
BSV © 07.08.2007
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