| Rezension: Mastering the Najdorf |
von Fernando Offermann
 |  | Julen Arizmendi und Javier Moreno: Mastering the Najdorf, Gambit, London 2004 | |  |
www.gambitbooks.com
Der "Rolls Royce der Eröffnungen" wurde die Najdorf-Variante von Großmeister Peter Heine Nielsen genannt, und glamourös ist ihre Vergangenheit unter der Obhut von Bronstein, Fischer und Kasparow. Die besten der besten beschäftigen sich mit ihr, und sie bleibt aktuell wie kaum ein anderes System.
In den Achtzigern und Neunzigern galt jede neue Auflage von "The Najdorf for the Tournament Player" von John Nunn als Ereignis. Dazu entwickelte sich damals das, was schnell als "Englischer Angriff" bekannt wurde. Nunn, Short, Chandler und Adams hatten schöne praktische Vorlagen zu 6.Le3 geliefert. Ein Zug, der schon bald 6.Lg5 als Hauptvariante ablösen sollte.
Nunn hat sich vom GM-Alltag verabschiedet und stattdessen mit Chandler den schönen Verlag Gambit ins Leben gerufen. Ein Najdorfbuch von Gambit kommt also einer Verpflichtung gleich, und die beiden spanischen Autoren Julen Arizmendi und Javier Moreno haben einige Erwartungen zu erfüllen. Die beiden waren schon zuvor keine No-Names, Großmeister Moreno hat bereits mit Schirow und Anand zusammengearbeitet. IM Arizmendi ist Redakteur von Spaniens größter Schachzeitschrift und spielt in der Nationalmannschaft mit.
Das Buch bietet dem Najdorfspieler aus schwarzer Sicht ein verlässliches Repertoire, und die Varianten sind sehr aktuell und häufig mit eigenen Vorschlägen verbessert. Was früher das Hauptsystem war (und für manche noch immer bleibt), ist eines der faszinierendsten Eröffnungen überhaupt, und das Autorenduo hat sich hier auf das schlaue 7…Dc7 festgelegt. Etwas bedauerlich ist, dass hier viel auf die Vorarbeit von John Emms zurückgegriffen wurde, dem dazu im exzellenten "Play the Najdorf - Scheveningen Style" (2003) bei Everyman (www.everymanchess.com) ein sehr gutes Kapitel mit vielen eigenen Ideen und Neuerungen gelungen ist. Doch die beiden Gambit-Autoren haben aber auch eigene Ideen zu diesem Kapitel beizusteuern.
Die Varianten zu 6.Le3, 6.Lc4 und 6.g3 gefallen mir am besten. Analysen zum Englischen Angriff veralten ohnehin nach zwei Wochen, doch wird die Mechanik der Abspiele sehr gut erklärt und die Analysen verbessern häufig GM-Partien. Die alte Karpow-Variante mit 6.Le2 mündet bei den Autoren in den langweiligen, aber sicheren Ausgleich von Leko-Topalov, Wijk aan Zee 2004 oder Leko-Schirow, Dortmund 2002 (Ausgleich nach Kurzfeuerwerk). Wahrscheinlich ist aber Short bei 6.Le2 noch maßgeblicher als Leko. Aus meiner Sicht werden gegenwärtig von Swidler mit …Sc6 und …Se7 interessante neue Wege eingeschlagen, und Gelfands …b6 ist ohnehin schon klassisch geworden. In der 6.f4-Variante verbessern die Autoren Dominguez-de Firmian, Istanbul 2000, sehr überzeugend mit 15…Db6. Zu 6.Lc4 trägt das Buch zusammen, was sich neuerdings zu 7…Sbd7 ereignet hat.
Das Buch ist gut und gewissenhaft erarbeitet. Bei Gambit wäre ein Buch eines 2650ers über die Najdorf-Variante zwar auch angemessen gewesen, aber dieses Ergebnis ist sehr vorzeigbar. Das Konzept, neue Autoren in die Arena zu führen, hat auch dieses Mal sehr gut funktioniert. Es soll laut Rainer Polzin auch sehr gut im neuen Drachen-Band aus demselben Haus funktioniert haben. Aus meiner Sicht ist das neue Najdorfbuch für Spieler bis etwa Elo 2400 interessant und besonders für jene, die sich zuvor eher grundlegend mit dieser Eröffnung befasst haben. Alle anderen haben endlich mal Gelegenheit, ihre selbst gesammelten Varianten endlich mal wieder systematisch zu sortieren. Es ist fast überflüssig, das Buch zu empfehlen, denn Najdorfspieler werden es sich ohnehin zulegen.
Anmerkung: Das Buch wurde zur Verfügung gestellt vom Schachversand Niggemann.
Autoreninfo Fernando Offermann, geb. 1967 in Buenos Aires, ist Journalist, für gute Bücher zu haben und spielt Schach am liebsten in der Kneipe.
BSV © 28.07.2006
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