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  Werner Windmüller - 75 Jahre und seit 50 Jahren Vorsitzender des SV Berolina Mitte

von Frank Hoppe

Eine Legende wird 75

26.November 2005
Werner Windmüller im Januar 2004  

Ein Leben für das Schach - so könnte man kurz und knapp den Vorsitzenden des SV Berolina Mitte, Werner Windmüller, umschreiben. Heute wird er 75 Jahre alt und ist immer noch mit großem Eifer dabei. Noch viele Jahre in bester Gesundheit und Erfolge im Schachspiel wünscht Dir die Berliner Schachgemeinde, Werner !

Tagein, tagaus läßt in das königliche Spiel seit Jahrzehnten nicht mehr los. Sehr zum Leidwesen seiner Frau, die sich nach langjähriger Ehe damit wohl abgefunden hat, einen Mann geheiratet zu haben, dem das Schachspiel sehr viel bedeutet.

Dabei konzentriert sich sein schachliches Engagement weniger auf das Spielen. Vielmehr hat er eine organisatorische Ader, was wohl 1955 auch der damalige Abteilungsleiter der Sektion Schach der BSG Motor Mitte, Paul Traugur, gespürt haben muß. Was damals genau passiert ist, darüber geben die Quellen keine zufriedenstellende Auskunft. Auch Werner kann sich nicht mehr genau erinnern. Er weiß nur, das der spielstarke Eugen Natzmer Sektionsleiter war und dieses Amt an Paul Traugur abgab. Als Traugur 1½ Jahre (?) später verstarb, übernahm Werner die Spartenleitung - und gab sie nicht mehr ab.

Doch in der von Klubmitglied Berthold Koch redigierten Zeitschrift "SCHACH" findet man im Dezemberheft von 1955 auf Seite 368 folgendes:

BSG Motor Mitte Berlin, Sektionsleiter: Werner Windmüller, N 113, Wichertstr.64 (bei Traugur); 1.Spielleiter: W.Gillhausen, N 113, Driesener Str.6; 2.Spielleiter: W.Krummhauer, N 58, Sonnenburger Str.72; Kassierer: Erna Natzmer, Berlin-Lichtenberg, Rittergutstr.108/9.

Anmerkung: Der Redaktionsschluß des Dezemberheftes ist nicht bekannt, doch ist es sehr wahrscheinlich, das dieser 1-3 Monate vor dem Erscheinen lag.

Werner beim Skatturnier am 25.März dieses Jahres  

Werner ist eher der Meinung, das er erst 1957, nach Traugur's Tod, Sektionsleiter wurde (Traugur spielte im Februar 1957 seinen letzten Mannschaftskampf). Demnach wäre die Veröffentlichung in SCHACH eine Falschmeldung. Aber würde Berthold Koch dann eine offensichtlich fehlerhafte Meldung aus dem eigenen Verein veröffentlichen ?
Seltsam war in dem Zusammenhang auch eine SCHACH-Meldung im Spätsommer, das Eugen Natzmer Sektionsleiter ist. Natzmer's Name fiel dort im Zusammenhang mit der Mannschaftsmeldung für die neue Saison. Möglicherweise wurde hier Mannschafts- und Sektionsleiter miteinander verwechselt.

Der Vermerk bei Traugur in obiger Meldung ist leicht erklärbar: Werner lebte damals zur Untermiete bei Traugur. Wahrscheinlich baute dieser seinen Nachfolger auf, inthronisierte Werner und stand ihm als Mentor zur Seite. Anders ist die Pressemeldung wohl nicht erklärbar.

Die ersten Jahre im Verein

Das Schachspiel erlernte Werner im Krieg von seinem Vater. Während der vielen Stunden im Luftschutzkeller versuchten sich die Beiden etwas abzulenken - Werner: "... wenn man stundenlang da unten gesessen hat" ...

1953 arbeitete Werner im VEB Anlagenbau in der Schlegelstraße (nahe Nordbahnhof). Ihm war nicht entgangen, das sich im Kulturraum des Betriebes regelmäßig ein Schachklub traf. Vorkenntnisse hatte er ja bereits, also besuchte er den Spielabend und war wenig später Mitglied der Sektion Schach der BSG Motor Mitte.

Anfangs der Mitgliedschaft im Schachverein lebte Werner noch bei seiner Mutter, erst 1955 zog er aus und als Untermieter beim kinderlosen Kohlenhändler Paul Traugur ein. Traugur war selbst Mitglied bei Motor Mitte und kurze Zeit auch deren Sektionsleiter.

Schachuhren sind teuer. Leichte Reparaturen erledigt Werner selbst.  

Durch den Umzug verkürzte sich Werner's Weg ins Spiellokal erheblich. Im gleichen Haus (Wichertstr.64) spielte die 1951 gegründete Schachsektion der BSG Rotation Berlin. Werner ging zwar oft dort zum Training, doch sein Herz hing bereits an Motor Mitte. Motor war damals einer der größten und stärksten Vereine Berlins, während Rotation noch eine sehr kleine und spielschwache Sektion war.

Anmerkung: Heute ist den Räumen von Rotation ein Restaurant mit russischer Küche - und Werner wohnt gleich um die Ecke.

Nach (?) dem Tode Traugur's übernahm Werner den Sektionsvorsitz. Das es ab diesem Zeitpunkt sportlich mit Motor Mitte abwärts ging, ist nicht dem noch jungen Sektionsleiter anzulasten. Die neugegründeten Sportclubs in Halle, Dresden und Berlin sollten dem Leistungssportgedanken Rechnung tragen und benötigten deshalb die besten Spieler. Berthold Koch, Johannes Eising, Dieter Brüntrup und Horst Handel verließen den Verein. Infolge dieses Aderlasses und wegen der Regelung, das BSG'en nicht mehr in der höchsten DDR-Spielklasse spielen durften, rutschte Motor von Saison zu Saison tiefer. Weitere Leistungsträger wie Dieter Heinrich und Hans-Jürgen Stieg verließen den Verein. Nach 1970 war Motor Berolina, wie der Verein seit 1957 hieß, am sportlichen Tiefpunkt angelangt.

Erst nach der politischen Wende 1989 begann der Verein wieder aufzublühen, ganz im Gegensatz zu vielen anderen Ostberliner Vereinen. Von Post Berlin kamen z.B. viele Spieler zu Berolina, weil diese sich nach der Vereinigung mit der West-Post nicht mit dem weit entfernten Spiellokal in Westberlin anfreunden konnten.

Werner als Sektionsleiter

Viele Stunden seiner Freizeit und damit auch viele gemeinsame Stunden mit seiner Frau, opfert Werner seit Jahrzehnten wöchentlich für das Schach. Sein Verein ist ihm das liebste Kind - nach seinen beiden Söhnen (die ebenfalls in seinem Verein spielen) und der Tochter natürlich. Im Laufe der Jahrzehnte übernahm Werner die Vereinsarbeit auf fast kompletter Breite. Lediglich die Vereinskasse und größtenteils die Jugendarbeit übertrug er anderen Schachfreunden. Anfang der 80er Jahre leitete er knappe drei Jahre eine Schach-Arbeitsgemeinschaft an der Schule in der Scherenbergstraße. Die wurde dann aber leider von der Schule eingestellt.

Als Spielleiter ist man bei Werner praktisch arbeitslos. Die Zusammenarbeit mit dem Verband und den Behörden läuft komplett über seinen Tisch, lediglich bei den Vereinsturnieren gesteht er dem Spielleiter ein "Mitspracherecht" zu. Aus eigener Erfahrung weiß ich, das ich durchaus meine Arbeit als Spielleiter hätte einstellen können, denn Werner machte das ohnehin gleich mit.

Für Aufgaben im Verband konnte sich Werner nie begeistern - sein Verein reicht ihm völlig aus. Allenfalls an den Mittwochen nach BMM-Spieltagen war er in der BFA-Geschäftsstelle im Hausvogteiplatz 12 anwesend, um die Mannschafts- und Einzelergebnisse einzusehen. Ein Service den er heute schmerzlich vermißt, wo man selbst eine schnelle Zustellung der Ergebnisse per Post nicht mehr als so dringlich ansieht. Für einen wie Werner, für den die Anschaffung eines Anrufbeantworters schon Luxus ist, liegt das Medium PC/Internet so weit weg, wie die Erde vom Mond.

Werner nach getaner Aufbauarbeit im Spiellokal in der Dietrich-Bonhoeffer-Straße  

Beispiellos ist auch seine Arbeit bei der Vorbereitung der Spielabende und Mannschaftswettkämpfe. An den Vereinsspieltagen war er meist schon vormittags (!) beschäftigt. Nach 12 Uhr brauchte man ihn garnicht mehr zu Hause anrufen, weil er bereits auf dem Weg ins Spiellokal war: Imbißversorgung gewährleisten, Heizen, Tische zurechtstellen und Bretter aufbauen. Erst nach dem Umzug ins Schachcafé "en passant" im Jahr 2002 konnte er etwas kürzer treten.

Vor BMM-Spieltagen prüfte er telefonisch oder persönlich (nicht jeder hatte in der DDR Telefon) die Verfügbarkeit der Spieler und informierte jeden mit einer Postkarte (im Umkreis von 1-2 km spielte er meist selbst Post !) über den bevorstehenden Spieltag und Einsatzort. Am Sonntag war er schon ab 5-6 Uhr im Spiellokal um alles herzurichten und zu heizen. Dabei verzichtete er oft selbst auf Einsätze in Mannschaften, um ganz für die Spieler da zu sein.

Als ich 1991 zum SV Berolina Mitte wechselte, fand ich mich sofort in einer vertrauten Umgebung wieder, denn auch in meinem alten Verein Medizin Berlin, legte Sektionsleiter Klaus Rosenkranz einen ähnlichen Eifer an den Tag.

Werner beim Spiel mit Annette Rinke. Neben ihm sein Vize Gerd Platow.  

Solch eine Konzentration der Vereinsarbeit auf eine Person, ist natürlich auch mit einem gewissen Risiko verbunden. Im Falle eines Ausscheidens von Werner (wir hoffen natürlich, er möge noch 20 Jahre weitermachen), könnte der Verein ohne funktionsfähige Führung dastehen, denn niemand konnte sich bisher als Nachfolger aufdrängen. Den potentiellen Kandidaten Frank Hoppe und Olaf Kreuchauf fehlt es nicht nur an Autorität, sondern sie sind auch beruflich und schachlich bereits sehr stark eingebunden. Auch Vize Gerd Platow kommt für eine Nachfolge kaum in Frage, allein schon deshalb, weil er zu wenig anwesend ist und nicht nur deshalb ungeeignet erscheint.

Doch warum über einen Nachfolger diskutieren, wenn Werner noch mopsfidel wie ein Dreißigjähriger scheint und gut und gerne noch mindestens 20 Jahre dem Verein vorstehen wird ?! 70 Jahre ununterbrochen Vereinsvorsitzender wäre wirklich nicht mehr zu toppen - weltweit !

Autoreninfo

Frank Hoppe,
Jahrgang 1964, hat die Internetpräsenz des Berliner Schachverbandes Ende 1996 ins Leben gerufen und betreut diese seitdem alleinverantwortlich. Er war außerdem von 1996 bis 2010 DWZ-Referent des Berliner Schachverbandes und von 2003 bis 2009 Referent der Wertungszentrale des Deutschen Schachbundes. Seit 2007 ist er Webmaster des Deutschen Schachbundes und seit 2010 Redakteur des BSV-Mitteilungsblattes.

webmaster@berlinerschachverband.de

BSV © 28.07.2006

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