Ich danke Frau Prof.Dr.Alice Kahl, der Enkelin von Bernhard Gregory, für die Kontaktaufnahme mit dem Berliner Schachverband und der Bereitstellung des Bild- und Textmaterials !
Die Fotos dürfen nur nach vorheriger Genehmigung durch weiterverwendet werden !
Bernhard Gregory als Spieler der zweiten Reihe zu bezeichnen fällt schwer, denn Chessmetrics verzeichnet für ihn Ratings zwischen 2456 und 2493 - auch wenn die Chessmetrics-Ratings um knapp 100 Punkte über den FIDE-Elo liegen.
Doch in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts tummelten sich so manche Meister in Berlin (z.B. Ehrhardt Post, Erich Cohn, Otto Zander, Willi Schlage, Emanuel und Berthold Lasker), so das es schwer für Gregory war, ganz an die Spitze zu stoßen.
Aufgewachsen in Estland
Bernhard Gregory wurde als Sohn des Advokaten und Senators Ferdinand Oscar Gregory (* 21.10.1843 in Heindrichshof / Estland) und von Alexandrine Emmi Gregory geb.Gordofski (* 02.06.1854 in Fennern Kreis Pernau [Pärnu]) am 10.April 1879 in Reval, dem heutigen Tallinn, geboren.
Estland
Die Provinz Estland wurde bereits 1793 in das russische Reich eingegliedert.
1918 wurde Estland von deutschen Truppen besetzt und zur unabhängigen Republik erklärt.
1920 erklärte auch das bolschewistische Russland die Anerkennung der Republik Estland.
Reval ist der deutsche Name für Tallinn. Es ist die Bezeichnung für die alte estnische Region, die die Stadt umgibt. 1918 wurde Reval als Tallinn die Hauptstadt von Estland.
Da Bernhard Gregory bereits 1939 verstarb, hat er die sowjetrussische Besetzung und die Einverleibung Estlands als Teilrepublik in die Sowjetunion nicht mehr erlebt.
Der bedeutendste estnische Schachspieler ist Paul Keres, geb. 7.1.1916, verstorben 5.6.1975 in Helsinki. Sein Porträt schmückt die estnische Banknote von 5 krooni.
Gregory besuchte 8 Jahre lang die Ritter- und Domschule in Reval.
Er besuchte als Sohn begüterter Eltern von 1885 bis 1893 die Ritter- und Domschule in Reval. Die Unterrichtssprache ab 1885 war russisch, zu Hause wurde jedoch deutsch und estnisch gesprochen.
An dieser Schule hat er mit Unterstützung des Vaters als 8jähriger das Schachspiel erlernt.
1898 - zwei Jahre nach dem Tod des Vaters in Reval - ging er zunächst nach München zum Studium der Chemie und der technischen Wissenschaften, später setzte er in Berlin sein Studium fort.
Umzug nach Berlin
Bernhard Gregory in der Charlottenburger Wohnung mit Tochter Iselin ca.1906
Er heiratete noch als Student mit 23 Jahren die erst 18jährige Ida Hempel aus Leipzig. Die Eheschließung fand in London am 2.September 1902 statt. Ab 1904 wohnte das junge Paar in Berlin-Schöneberg, Martin-Luther-Str.78. 1903 wurde Iselin Gregory (Mutter von Alice Kahl, die 2001 verstarb) geboren, 1905 eine weitere Tochter Maud Dolly Gregory. 1914 trennte sich das Ehepaar, Ida Gregory zog mit den Töchtern zurück nach Leipzig zu ihren Eltern, Bernhard Gregory blieb in Berlin. In dieser Zeit – also von 1904 bis 1914 war er aktiver Schachspieler in Berlin und wurde auch Schachmeister. Wie aus dem Briefwechsel mit seiner Frau zu entnehmen ist, war er in diesen Jahren auch öfter in seinem Elternhaus in Reval (Tallinn).
Bernhard Gregory
Da er gebürtiger Este war, welches damals unter russischer Herrschaft stand, wurde er als "Staatenloser" geführt und nicht zum Militärdienst im 1. Weltkrieg eingezogen. Er beklagt sich in einem Brief darüber, dass er von Berliner Ämtern als "feindlicher Ausländer" behandelt wird.
Allrussisches Nationalturnier 1909
Das nachfolgende Foto stammt von diesem Turnier. Das Hauptturnier, das dem 1908 verstorbenen Michail Tschigorin gewidmet wurde, gewannen Lasker und Rubinstein.
Erkennt jemand Personen oder kann mir weitere Infos zu den St.Petersburger Turnieren geben ?
Internationaler Schachkongress 1909. Gregory ist der 4. von links in der unteren Reihe.
The International Chess Congress, St. Petersburg, 1909, with Bernstein, Lasker, Rubinstein, Von Freymann, Duras, Levin, Tartakower, Teichmann.
1927 enden die mir bekannten Quellen. Gregory hat sich dann wahrscheinlich vom Profischach zurückgezogen.
1931 wurde seine 1.Ehe endlich geschieden und er heiratete im gleichen Jahr seine zweite Ehefrau Helene geb.Walsleben, aus dieser Ehe gibt es keine Kinder.
1932 erhielt er nach mehreren Anläufen seine Einbürgerungsurkunde als Deutscher, damit waren nun auch meine Mutter (und deren jüngere Schwester) nicht mehr Staatenlose, sondern Deutsche.
Leider gibt es keine Unterlagen mehr darüber, ob er nach 1914 noch aktiv an Schachturnieren teilgenommen oder sogar bei Meisterschaften gewonnen hat. Allerdings war bei der notariellen Beglaubigung seines Erbvertrages im Jahre 1931 der Schachmeister Paul Johner aus Berlin-Charlottenburg, Witzlebenstr.40 als Zeuge zugegen.
Im Besitz der Enkelin sind lediglich einige Fotos von Bernhard Gregory, ein Teil des Briefwechsels (darunter Postkarten aus Reval) mit seiner 1.Ehefrau und seinen Töchtern nach der Trennung, ein Erbvertrag zugunsten seiner 2.Ehefrau, die Einbürgerungsurkunde von 1932, einige Gemälde und sein persönlicher Schachtisch (Jugendstil) aus seiner Berliner Wohnung von 1904.
Die ehemalige Schachecke im Kaiserhof zu Berlin. Gregory ist der 4. von links (dritter Herr ist verdeckt). Ganz links hat BSV-Webbesucher Per Skjoldager Bernhard Kagan erkannt.
Über die Herkunft des Fotos wußte Frau Kahl nichts. Ich bin aber in der Emanuel-Lasker-Ausstellung am 1.Dezember 2005 in Berlin fündig geworden. Dort liegt eine kleine Kopie mit der altdeutschen Unterschrift "Die ehemalige Schachecke im Kaiserhof zu Berlin". Die Identität der abgebildeten Personen bleibt aber weiter im Dunkeln.
Die nachträglich in der DDR erstellte Sterbeurkunde.
Gregory arbeitete als Ingenieur und Erfinder in verschiedenen Anstellungen in Berlin, welches er als Wohnort bis zu seinem Tode beibehielt. Er starb am 2.Februar 1939 in Berlin, wahrscheinlich an Krebs.
Berliner Meisterschaft 1903/04
Der Buchpreis von der Berliner Meisterschaft 1903/04
Im Meisterschaftsturnier 1903/04 des Allgemeinen Schachbundes zu Berlin erhielt Gregory einen Buchpreis für das beste Resultat gegen die Preisträger im Turnier. Das Buch - "Zur Kenntnis des Schachproblems" von A.Bayersdorfer - ist mit einer Widmung des Verbandsvorstandes versehen:
Widmung vom ASB-Vorstand im Buch
[Herrn] Gregory für das beste Resultat gegen die Preisträger im Meisterschaftsturnier 1903/04, gestiftet vom "Deutschen Wochenschach", vom Allgemeinen Schachbund zu Berlin zur Erinnerung [gewidmet].
Der Vorstand
R.Steinweg
Wilhelm [Pape]
[...] Spiess
Richard Steinweg war damals 1.Vorsitzender des Bundes, Wilhelm Pape sein Vorgänger und wahrscheinlich 2.Vorsitzender. Spiess (Vorname H... ?) war 2.Vorsitzender des Berliner Schachvereins und außerdem ein starker Spieler.
Allgemeiner Schachbund zu Berlin
Der am 26.April 1901 gegründete Bund ist wahrscheinlich der erste Schachverband Berlins gewesen. Seine Gründung wurde als Affront auf den Deutschen Schachbund angesehen, weil auch Spieler und Vereine außerhalb Berlins Mitglied werden konnten.
Gründungsmitglieder des Bundes waren die Berliner Schachgesellschaft, der SC Springer, der Berliner Schachverein, die Redaktion des Deutschen Wochenschach, der SK Turm, der SC Anderssen, der SK Nord und der Neue Berliner Schachclub. Beinahe 420 Spieler fanden so Aufnahme in den Bund.
Wilhelm Pape und Richard Steinweg waren die ersten beiden Vorsitzenden des Bundes. Pape von der Gründung bis 1903 und Steinweg von 1903 bis 1905. Pape übernahm ab 1905 wahrscheinlich wieder den Vorsitz.
Über 500 Mitglieder hat der Bund, so Wilhelm Pape in seinem Jahresbericht am 24.September 1906. Allein 109 Mitglieder wurden im letzten Jahr hinzugewonnen. F.W.Leonhardt (2. Vorsitzender), Heinrich Ranneforth (2. Schatzmeister) und Dr.Böhmer (Schachwart) wurden durch Zuruf wiedergewählt. Th.Bretschneider wurde als Vertrauensmann des Bundes im Verkehr mit dem Vorstande des Deutschen Schachbundes bestimmt.
1919 galt der ASB als erloschen und die Berliner Schachspieler gründeten die Freie Vereinigung der Groß-Berliner Schachvereine, die 1922 in den Berliner Schachverband überging.
Von dieser Berliner Meisterschaft selbst liegen mir keine weiteren Informationen vor.
Weitere Teilnahmen an Berliner Meisterschaften
Fündig geworden bin ich bisher bei folgenden Jahrgängen:
1906 schied Gregory nach 1 aus 6 aus dem Turnier aus und wurde Letzter.
1927 ließ Gregory noch zwei Spieler (Adeler, Westphal) hinter sich und wurde Dreizehnter. Gegen Karl Helling und Ludwig Rellstab (beide Platz 5-6) gewann er. Die beiden wurden wenige Jahre später selbst Berliner Meister. Helling zweimal, Rellstab gar dreimal.
Chess Tournament Crosstables von Jeremy Gaige
Der von Anders Thulin (Malmö) erstellte Personenindex der Kreuztabellen von Gaige erwähnt folgende Turniere für Gregory:
16-19.Platz in Hannover 1902
9-10.Platz in Berlin 1903
1-2.Platz in Reval 1904
7-8.Platz in Coburg 1904
6.Platz in Barmen 1905
14-15.Platz in Berlin 1905
1-3.Platz in Barmen 1905
5.Platz in Nürnberg 1906
6-7.Platz in Berlin 1907
2.Platz in Berlin 1908
3.Platz in St.Petersburg 1909
13-15.Platz in Hamburg 1910
5.Platz in Berlin 1910
11.Platz in Berlin 1911
1.Platz in Breslau 1912
17-18.Platz in St.Petersburg 1914
9.Platz in Berlin 1917
6-7.Platz in Berlin 1920
11.Platz in Berlin 1920
Anmerkung: Der nachfolgende Abschnitt mußte korrigiert werden. Die Partie Marshall - Gregory stammt nicht aus dem Berliner Turnier 1908, sondern aus dem Match gegen Marshall, worauf mich Werner Berger am 12.10.2005 aufmerksam machte.
Wettkampf Gregory - Marshall
Im Dezember 1908 bestritt Gregory ein Match gegen Frank James Marshall, das er mit 1:4 verlor. Daraus seine Gewinnpartie aus der 2.Runde.
Frank James Marshall - Bernhard Gregory [D33] Berlin 08.12.1908
9...d4! Gregory verschärft die Partie. Marshall sieht sich gezwungen die Dame zu geben. 10.Sxd4 0-0-0 11.Sxe6 Txd1+ 12.Txd1 Dxb2 13.Sxf8 Dxc3+ 14.Ld2 Der Rauch hat sich verzogen.