Hallo Schachfreunde! Ab sofort bei TSG Oberschöneweide jeden 2. und 4. Freitag im Monat ab 19.00 Uhr Training mit FM Rosenthal bzw. FM Postler. Gäste sind herzlich willkommen.
Mit Rekordankündigungen sollte man vorsichtig sein. Die Superlative sind schnell zur Hand. So war im Vorfeld erst von "größter Schachveranstaltung der Welt" die Rede, später stapelte man etwas tiefer "größter Mannschaftskampf der Welt", nachdem ich in einem alten Guinness-Buch der Rekorde (von 1993) herausfand, das in Hamburg der Wettkampf Linkes gegen rechtes Alsterufer über 3000 Spieler anzog. Nur ein Superlativ darf als gesichert gelten - der der größten Schachveranstaltung Berlins die jemals stattgefunden hat. Die bis dahin größte Berliner Schachveranstaltung war wahrscheinlich die BMM-Endrunde von 1939 mit 512 Spielern.
10.März 1939: An 256 Brettern findet im Orpheum, Hasenheide 32-38, die zentrale Endrunde der BMM statt - die bis dahin größte Berliner Schachveranstaltung. Heute steht an dieser Adresse eine Wohnanlage.
30.April 2006: 67 Jahre später wird der Rekord gebrochen. An 736 Brettern sitzen sich 1353 Spieler in der Convention Hall im Hotel Estrel in Neukölln gegenüber. Foto von Harald Fietz.
Solchen Zahlenangaben sollte man allerdings nicht immer trauen. Ob es 1939 wirklich 512 Spieler waren, kann heute nicht mehr verifiziert werden. Damit die Historiker in fünfzig oder hundert Jahren nicht wieder auf geschätzte oder im Voraus "festgelegte" Angaben angewiesen sind, sei ein für allemal gesagt: Die in der Bildunterschrift angegebenen Zahlen von 2006 wurden von mir anhand der Spielberichte nachgezählt. Der Wettkampf Post Wedding 4 gegen den Gehörlosen SV wurde vorgespielt, acht Bretter fehlen also. Bleiben 736 Bretter übrig - was 184 Mannschaften entspricht und im Optimalfall 1472 Spielern. Doch 119 Spieler fehlten an den Brettern, womit wir dann auf exakt 1353 Spieler kommen. Und diesmal ist das wirklich eine exakte Zahl, anders als im ChessBase-Artikel von Dagobert Kohlmeyer der dort exakt 1504 Spieler schreibt ...
Treffen der Generationen
Eine zentrale Endrunde gehört in der Fachvereinigung Schach schon seit Jahren zum festen Bestandteil des Spielbetriebes. Die vom Betriebsschachverband wieder am 16.Mai 2006 bei Schering organisierte Veranstaltung ist im Vergleich zur BSV-Endrunde allerdings eher bescheiden. "Nur" rund 400 Spieler gilt es unterzubringen und die Kantine der Weddinger Firma ist dazu nur bedingt geeignet - wenn man einmal von der exzellenten und kostengünstigen Imbißversorgung absieht. Doch ein Highlight ist diese Endrunde jedes Jahr, schon weil man viele alte Wegbegleiter wiedersieht.
Im deutlich größeren Berliner Schachverband - sowohl mitglieder- als auch gebietsmäßig - war die Chance, den ein oder anderen Schachfreund nach vielen Jahren wiederzusehen, um ein Vielfaches größer. Zumal es die erste zentrale Endrunde nach sehr langer Pause war. Man konnte garnicht soviele Hände schütteln und Worte wechseln, wie man bekannte Gesichter wiedertraf.
... noch ein wenig Zahlenspielerei
Ältester Teilnehmer Walter Wuthcke (91)
Wenn solch eine große Veranstaltung über die Bühne geht, kommen auch immer wieder die üblichen Fragen nach dem ältesten und jüngsten Teilnehmer und der längsten und schönsten Partie. Die erste Frage läßt sich relativ leicht beantworten, da Walter Wuthcke im Berliner Schach ein bekannter Mann ist und in seiner Blütezeit der Top-Spieler der TSG Fredersdorf war. Heute ist Wuthcke immer noch sehr aktiv beim SC Rochade.
Etwas länger dauerte die Suche nach dem jüngsten Spieler. Nach rund zwanzigminütigem Vergleich der Mitgliederliste mit den Spielberichten stand Dominik Fuchs, SC Zitadelle Spandau, als jüngster Spieler fest. Er hatte erst zwei Monate vorher seinen 9.Geburtstag gefeiert.
Völlig ausgeschlossen ist derzeit eine Antwort auf die längste und die schönste Partie. sammelt alle (?) Partien, die er zugeschickt bekommt und wird dann eine Datenbank zur Verfügung stellen. Mit einer Antwort auf diese Frage wird wohl frühestens in zwei bis drei Monaten zu rechnen sein.
Die Geburtstagskinder des 30.April sollen natürlich auch nicht zu kurz kommen. Bei der Eröffnung nannte BSV-Präsident stellvertretend die Namen Heinz Pacholleck, Heinz Großmann und Hans-Peter Ketterling:
Heinz Pacholleck wurde 76, Hans-Peter Ketterling 65 und Heinz Großmann 60
Es hatten zwar noch weitere BSV-Mitglieder an diesem denkwürdigen Tag Geburtstag, doch keiner von denen war Teilnehmer der Endrunde. Welch ein Zufall !
Vor der Endrunde
Auf jedem Platz zu finden: BSV-Mitteilungsblatt Nr.1/2006, ein SD-Partieformular, ein Brief des BSV-Präsidenten - mühevoll von seiner Firmen-Sekretärin eingetütet, ein Kugelschreiber und ein Leckerli
Am späten Nachmittag des Vortages der Endrunde, waren vom Hotel bereits die Tische und Stühle aufgebaut worden. Auch einige Funktionäre des Verbandes nutzten die Möglichkeit der Vorbereitung, verteilten Informationsmaterial und Süßigkeiten auf den Plätzen und richteten Schiedsrichtertische und Analyseraum her. TSG Fredersdorf baute sogar schon sein Spielmaterial auf.
Am nächsten Morgen sollte ab 7 Uhr die Möglichkeit des Aufbaus für alle Vereine bestehen. Um 6.48 Uhr lag der Spielsaal aber noch im Tiefschlaf. Ich war als Erster vor Ort, mußte mich zur Estrel Convention Hall durchfragen und kam durch einen Nebeneingang in den Saal. Kurz vor 7 war meine Anwesenheit dann nicht mehr erwünscht, ein Security-Mitarbeiter bat mich hinaus.
Hotel Estrel und Estrel Convention Center an der Neuköllner Sonnenallee - nur 5 Minuten Fußweg vom S-Bahnhof Sonnenallee (Ring) entfernt.
Zehn nach 7 treffen die ersten Aufbauteams ein. König Tegel drapiert als erster Verein an diesem Tag die Tische.
Das Platzangebot überzeugte die größten Pessimisten. Man hätte locker noch ein paar Tischreihen unterbringen können.
Hier sollte ursprünglich Post Wedding 4 gegen den Gehörlosen SV (Klasse 3.1) spielen. Der GSV wollte (oder mußte ?) vorspielen und gewann 6:2. Nun ist Gelegenheit für das Spiel 'Reise nach Jerusalem'...
Zum Spielgeschehen
Kurz vor 9.30 Uhr eröffnete BSV-Präsident Dr.Matthias Kribben von den Logen-Plätzen die Veranstaltung. Da die Benutzung der hauseigenen Beschallungstechnik dem Verband eine vierstellige Eurosumme gekostet hätte, griff man auf das verbandseigene Megaphon zurück.
Neben jeder Tischreihe - also einer Staffel - stand ein Schiedsrichtertisch, an denen Helfer saßen und die Aufstellungen entgegennahmen, die Spielberichte führten, Ergebnisse und Partieformulare sammelten. Zu diesen Helfern gehörten u.a. FM Wilhelm Schlemermeyer, Atila Figura, Michael und Stefanie Schulz, Josef Roth, Bernhard Riess, Uwe Pöhle, Heinz Uhl, Bettina Bensch, IM Michael Richter und viele, viele andere.
Hauptschiedsrichter, BMM-Turnierleiter, frischgebackener Landesjugendwart und Zweitligaspieler Benjamin Dauth. Er hatte einen separaten Tisch. Hier sind er und seine Helfer bereits mit der Nachbereitung beschäftigt.
Besonders prickelnd an einer zentralen Endrunde ist es, jederzeit über den Tabellenstand informiert zu sein. Zahlreiche Spieler streiften, nachdem sie ihren Zug gemacht hatten, durch die Tischreihen, um sich die Stellungen der Tabellennachbarn anzuschauen. Eines dieser aufregenden Fernduelle gab es in der Stadtliga B. Dort waren nach acht Runden der Vorletzte Treptow und die zweite Mannschaft von Berolina (einen Platz davor) "punkt- und torgleich". Berolina hatte zudem den Vorteil, das direkte Duell gewonnen zu haben und außerdem wartete mit Lasker 3 der vermeintlich leichtere Gegner. Die Spieler der beiden Teams tigerten von einem Tisch zum anderen und von dort zur Ergebnistafel. Am Ende traf die "Voraussage" ein - Treptow unterlag höher und stieg ab.
Maria Hinzmann kämpfte als Letzte gegen den drohenden Abstieg Treptows, doch Alexander Bandow hatte kein Erbarmen. Bandow selbst verpaßte mit seinem Team SW Neukölln trotz des 7:1 den Aufstieg in die Landesliga. Ein Mannschaftspunkt fehlte.
Mannschaftsführer Peter Müller (Berolina Mitte 2) spielte eine Supersaison und durfte sich über den Klassenerhalt seines Teams freuen. Im Fernduell mit Treptow machte Berolina anderthalb Brettpunkte mehr.
Mit Kanonen auf Spatzen - Rotation Pankow 5 gewann in Klasse 2.3 acht von neun Kämpfen, unterlag nur dem Tabellenletzten (!) Weisse Dame 4 in der achten Runde. Allerdings trat Pankow fast nur mit Ersatzleuten und zu fünft an. Die zentrale Endrunde ließen sich die Frauen-Bundesliga-Spielerinnen WIM Antje Göhler (vorn) und Gudula Seils aber nicht entgehen.
Ein glückliches Händchen bei der Auslosung vor Saisonbeginn hatte Turnierleiter Benjamin Dauth. In der Landesliga kam es so zu einem Finale zwischen Zehlendorf 2 (16:0) und Rotation Pankow 2 (15:1). Beide Mannschaften stellten ihre wohl stärksten Leute auf und Zehlendorf galt als leicht favorisiert. Dieser Rolle wurden sie auch mit einem klaren 5½:2½-Sieg gerecht und dürfen sich jetzt Berliner Mannschaftsmeister nennen.
FM Ulrich Schwekendiek erkämpfte in einer spannenden Partie den einzigen vollen Punkt für Pankow - gegen FM Dirk Paulsen.
Im Foyer hatte das Estrel einen Imbiß aufgebaut und schenkte an der Bar Getränke aus. Schachhändler Manfred Mädler bot an seinem Stand Literatur und Software an. Diese Angebote wurden von den zahlreichen Kiebitzen und Spielern sehr gut angenommen.
Manfred und Monika Mädler aus Dresden hatten den einzigen Schachstand aufgebaut. Alfred Seppelt, BSV-Präsident von 1984 bis 2004, unterhält sich mit den Beiden.
Zwei Ex-Präsidenten im Gespräch. Alfons Henske war von 1977 bis 1984 Amtsinhaber, Alfred Seppelt löste ihn ab und blieb 20 Jahre Chef des Berliner Schachverbandes. Beide sind 76 Jahre alt.
SCK-Vorsitzender Norbert Sprotte erläutert SCK-Mitglied IM Dr.Manfred Glienke das weitere Vorgehen ...
Drei Friesen nach getaner Arbeit beim Feierabendbier: Georg Billing, Karl-Heinz Ollek und Volker Schulz. Das vierte Glas gehört Ekkehard Ellenberg, der leider nicht mit aufs Foto paßte.
Zukunft der zentralen Endrunde
Ob solch eine Riesenveranstaltung eine Eintagsfliege bleibt oder auch nächstes Jahr stattfinden kann, hängt vor allen Dingen von der Finanzierung ab. Neben einem großen Sponsor wäre eine Kostenbeteiligung der Vereine in einer Höhe von bis zu 150 € nötig. Die Miete so eines großen Saales kostet schließlich viel Geld.
Bewertung
Partien
Alle Partien der Endrunde werden von gesammelt - und nicht wie ursprünglich im Newswriter-Beitrag angegeben, von mir. Die Partieformulare befinden sich aber komplett (?) in meinem Besitz und ich werde Ergänzungen und Korrekturen an den Daten vornehmen.
Fotos
227 Fotos - von Frank Hoppe, Harald Fietz und Alexander Boldt
Anmerkung: Heinz Uhl: Der Beitrag läßt sich nach Aufrufen der genannten Website durch Klicken auf den Pfeil neben dem Schriftzug 'Player direkt starten' unterhalb des Bildausschnitts im eigenen Player wiedergeben. Dort kann der knapp eine halbe Minute lange Beitrag, welcher bei Position 19:05 beginnt, mit dem Schiebeschalter direkt angesteuert werden.
ChessBase - Fotobericht von Dagobert Kohlmeyer Freitag - prosaischer, allgemeiner Artikel von Christoph Brumme Freitag (Gesamtausgabe) - Brumme-Artikel auf Seite 19 neben einem anderen Schachartikel
Schnellturnier im en passant
Um auch den Wirt des Schachcafés "en passant", Sven Horn, wegen der entgangenen BMM-Heimspiele etwas zu entschädigen, fand um 18 Uhr noch ein Schnellturnier in seinen Räumen an der Schönhauser Allee statt - unter der Leitung des etwas später eintreffenden Vizepräsidenten Carsten Schmidt. Leider fand es nicht ganz den von Horn erwarteten Zuspruch. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn alle Teilnehmer der Endrunde den Weg in sein Café gefunden hätten ;-)
Frank Hoppe, Jahrgang 1964, hat die Internetpräsenz des Berliner Schachverbandes Ende 1996 ins Leben gerufen und betreut diese seitdem alleinverantwortlich. Er war außerdem von 1996 bis 2010 DWZ-Referent des Berliner Schachverbandes und von 2003 bis 2009 Referent der Wertungszentrale des Deutschen Schachbundes. Seit 2007 ist er Webmaster des Deutschen Schachbundes und seit 2010 Redakteur des BSV-Mitteilungsblattes.