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  Deutsche Frauenmannschaftsmeisterschaften der Landesverbände 4.-7.Mai 2006 in Braunfels

von Veit Godoj

Foto von Veit Godoj
Vorn: Gerda Strate, Anke Fischer, Brigitte von Herman und Katrin Hildebrand. Hinten: Adeline Chaumont, Stephanie Rudolph, Uta Neldner und Stefanie Schulz

Berliner Frauenmannschaft holte in Braunfels Bronze !

Bei der Deutschen Frauen-Mannschaftsmeisterschaft der Landesverbände gelang der Berliner Frauen-Auswahl im hessischen Braunfels ein überraschender Coup: Nach fünf Runden Schweizer System standen drei Siege, ein Unentschieden und eine Niederlage zu Buche. Dies bedeutete in der Endabrechnung den überraschenden 3. Platz. Dabei war anfangs nicht an einen Medaillenrang zu denken, denn nach der Setzliste standen die Berlinerinnen nur auf dem 6. Platz von 11 teilnehmenden Mannschaften.

Foto von Veit Godoj
Uta Neldner und Katrin Hildebrand

In der Auftaktrunde wurde mit einer Spielerin weniger gegen die hochfavorisierte Mannschaft aus NRW mit 2,5:5,5 verloren. Katrin Hildebrand konnte aus beruflichen Gründen erst nach der Runde unser Frauenteam vervollständigen, doch trotz des kampflosen Punktes leisteten die Berlinerinnen den späteren deutschen Meisterinnen erheblichen Widerstand: So schlug Brigitte von Herman die Deutsche Einzelmeisterin von 2002 WFM Heike Vogel, Steffi Schulz remisierte am Spitzenbrett gegen Anna Rudolph (vormals Onischuk) und Anke Fischer konnte gegen WFM Isabel Hund (Deutsche Meisterin 1989) remisieren. Auch Uta Neldner nahm ihrer favorisierten Gegnerin Kirsten van Münster ein lockeres Remis ab.

Foto von Veit Godoj
Berlin gegen Württemberg

Diese verheißungsvollen Einzelleistungen machten Appetit auf mehr, doch in der zweiten Runde stand der nunmehr kompletten Berliner Auswahl mit Württemberg ein ebenfalls starker Gegner bevor. Obwohl Steffi Schulz am Spitzenbrett der Deutschen Meisterin von 2003 Annemarie Meier unterlag, konnten die Berlinerinnen diesmal vor allem an den hinteren Brettern punkten, wobei Nachrückerin Katrin Hildebrand eine starke Einstandsleistung bot und auch Uta Neldner und Gerda Strate gewinnen konnten. Dabei stand es zwischenzeitlich 1:3 aus Berliner Sicht, doch in dieser kritischen Schlüsselphase des Turniers ließen sich die Berlinerinnen nicht beirren und steuerten beharrlich auf Sieg. Der wäre auch um ein Haar gelungen, wenn Brigitte von Herman beim Stand von 3,5:3,5 ihr Endspiel mit Mehrfigur und beiderseitiger Hochgradzeitnot (je 20 Sekunden Restzeit) gewonnen hätte, was leider nicht gelang, das Drama endete Remis und Berlin hatte 1: 3 MP nach zwei Runden. Doch manchmal ist es ja ratsam, das Pulver im Schweizer System bis zum Schluss trocken zu halten.

Foto von Veit Godoj
Berlin - Hessen

In der dritten Runde gab es mit Hessen eine lösbare Aufgabe zu bewältigen, die auch mit Bravour 5,5:2,5 geschafft wurde. Steffi Schulz machte "an eins" ihren ersten umso lockereren Punkt und auch die zweite Steffi Rudolph konnte ihre erste Partie gewinnen. Uta Neldner und Gerda Strate gewannen ebenfalls, nur Katrin war mit ihrer Remisstellung nicht zufrieden und spielte weiter auf Gewinn, was leider misslang, denn ihre Gegnerin fand das "Loch" in der Kombi und gewann sogar noch. Die Französin in Berlins Farben, Adeline Chaumont, laborierte während des ganzen Turniers an einer schweren Erkältung, doch spielte sie tapfer durch und remisierte gegen Hessen.

Foto von Veit Godoj
Berlin gegen Bayern

Mit Bayern bekamen wir in der vierten Runde einen leicht favorisierten Gegner zugelost. Diese Runde verlief wieder extrem spannend, da Berlin erneut schnell mit 1:3 zurücklag, aber dafür an drei Brettern auf Gewinn stand. Anke Fischer ärgerte sich am Ende, weil sie ihr gewonnenes Endspiel nur in ein Unentschieden umwandeln konnte, ein Stellungstyp, den sie in ihrem Verein gegen männliche Gegner normalerweise leicht gewinnt. Leider verlor Steffi Schulz gegen WIM Milka Ankerst von Bayern München, doch sorgte Brigitte durch einen Sieg gegen die für England spielende WIM Ingrid Lauterbach für einen "Bigpoint" für Berlin.
In der entscheidenden Phase zeigte sich die "Mittelachse" der Berlinerinnen den bayrischen Spielerinnen überlegen: die erfahrene Katrin Hildebrand gewann mit viel Übersicht, Stephanie Rudolph hatte sich am Vorabend durch ihre Teilnahme am Abend-Blitzturnier nach 10 Stunden Turnierschach-Doppelrunde richtigen Biss antrainiert und gewann ebenfalls, doch den alles entscheidenden Punkt machte Uta Neldner in einem Turmendspiel. Gerade dieser Sieg von Uta kostete den Zuschauern, die mit Berlin hielten, viele Nerven, denn zunächst hatte noch Utas König im Visier zahlreicher weißer Schwerfiguren gestanden. Doch Nervenstärke war genau das, was die Berlinerinnen in diesem Turnier so auszeichnete. So wurde schließlich verdient mit 4,5:3,5 gegen Bayern gewonnen, und die Bayerinnen analysierten Utas Endspiel noch, als diese schon beim Essen saß.

Foto von Veit Godoj
Katrin Hildebrand

Beim anschließenden gemeinsamen Essen erfuhr die Mannschaft dann von den übrigen Ergebnissen und der Auslosung der Schlussrunde, die bei günstigem Verlauf sogar einen Blick auf die Medaillen und das Treppchen ermöglichte. Dazu war aber unbedingt ein Erfolg gegen Abschlussgegner Schleswig-Holstein nötig. In diesem entscheidenden Match waren die Rollen erstmals andersherum verteilt, denn hier waren die Berlinerinnen Favoritinnen. Und beinahe hätten die Frauen von der Meeresküste gepunktet: geschickt boten sie an mehreren Brettern ein frühes Remis, was die Last des Gewinnen-Müssens auf die übrigen Spielerinnen übertrug. Unsere Spitzenspielerinnen Steffi Schulz und Brigitte von Herman gewannen jedoch ebenso wie Gerda Strate souverän. Anke Fischer und Uta Neldner hielten jeweils ein Beton-Remis. Den "halben Siegpunkt" holte nach aufreibendem Kampf, in dem ihre Gegnerin ein Remisangebot überhörte, Katrin Hildebrand. Die Berlinerinnen hatten wieder einmal das gute Ende für sich.

Foto von Veit Godoj
Adeline Chaumont war 2004 Französische Jugendmeisterin

Aber was machten die anderen? Lange Zeit sah es im Spitzenduell nicht nach einem Sieg für NRW gegen Württemberg aus, die in der entscheidenden Runde an sechs Brettern schnell remisierten. Ein Mannschaftspunkt oder mehr für Württemberg hätte das "aus" für die Hoffnungen der Berlinerinnen bedeutet. Doch gewannen die Frauen vom Rhein die zwei ausstehenden Partien noch sicher, so dass sie ungeschlagen Deutsche Meisterinnen wurden. Und die Berlinerinnen durften schon mal an der Medaille schnuppern. Um sie tatsächlich zu holen, durfte in der anderen entscheidenden Paarung Sachsen-Anhalt gegen Baden kein Mannschaftsunentschieden herauskommen. Für Kenner des Frauenschachs mussten eigentlich die hervorragend trainierten Spielerinnen aus Sachsen-Anhalt als Favoritinnen gelten, doch die Badenserinnen boten ihnen in dieser Begegnung Paroli. 4 : 3 für Baden stand es nach sieben Partien und die letzte noch ausstehende Begegnung musste die Entscheidung bringen. Die junge Susan Großmann remisierte schließlich nach hartem Ringen gegen WFM Gulsana Barpiyeva. Damit hatten die Badenserinnen Silber und Berlin Bronze.

Foto von Veit Godoj
Anke Fischer

Die Nachricht vom badischen Sieg wurden von den Berlinerinnen mit Jubel und Trubel aufgenommen, die auch zuvor nicht gerade durch Griesgrämigkeit von sich reden machten. Und die erste Medaille samt Pokal seit 1994 ist doch wirklich ein beachtlicher Erfolg, der optimistisch in die Zukunft des Berliner Frauenschachs blicken lässt. Beachtenswert auch der Umstand, dass die Berlinerinnen (noch) ohne Titelträgerinnen antraten, wogegen Mannschaften wie NRW, Baden, Bayern oder Sachsen-Anhalt hiervon reichlich aufzubieten hatten.

Foto von Veit Godoj
Stephanie Rudolph und Gerda Strate

Dieser Erfolg hatte wohl verschiedene Grunde: Zum einen, eine harmonische Mannschaft, in der Erfahrung und Jugend eine gute Mischung bildeten. Dann die große Lockerheit und Nervenstärke, denn unsere Spielerinnen litten nicht unter zu großem Erwartungsdruck und konnten so frei aufspielen. Wichtig auch: Wenn`s mal nicht so lief, gab`s trotzdem nur gute Worte zu hören. Manchmal erreicht man eben mehr, wenn man weniger an den Erfolg denkt. Doch Talent und Können gehören natürlich auch zu einem solchen Erfolg.
Die Berliner Topscorerinnen waren Brigitte von Herman (Brett 2) und Uta Neldner (Brett 5), die jeweils 4 aus 5 erzielten und dabei ungeschlagen blieben. Hätte es Brettpreise gegeben, wären beide wohl mit von der Partie gewesen. Uta Neldner hat sich durch ihren ausgezeichneten Auftritt für höhere Aufgaben empfohlen. Brigitte erzielte durch ihr hervorragendes Resultat eine ELO-Performance von 2320. Anke Fischer spielte fünf mal Remis und blieb so auch ohne Niederlage. Steffi Schulz (2,5 aus 5) konnte gegen starke Gegnerinnen diesmal zwar nicht ganz so auftrumpfen wie zuletzt bei der Berliner M-Klasse, wo sie souverän die Klasse hielt, aber immer wenn es wirklich wichtig war, holte sie einen Sieg. Über 50 Prozent holte auch Gerda Strate mit 3 aus 5 und Katrin Hildebrand war mit 2,5 aus 4 ebenfalls erfolgreich. Steffi Rudolph verbuchte 2 aus 5 und Adeline Chaumont 0,5 aus 5.

Wir gratulieren unseren erfolgreichen Spielerinnen:

Steffi Schulz (SK König Tegel), Brigitte von Herman (SG Lasker), Adeline Chaumont (SK Zehlendorf), Katrin Hildebrand (Rotation Pankow), Uta Neldner (Borussia Friedrichsfelde), Anke Fischer (SG Lasker), Stephanie Rudolph (TSG Oberschöneweide), Gerda Strate (Weiße Dame) !!!

Veit Godoj (SG Lasker)

Foto von Veit Godoj
Gerda Strate, Stephanie Rudolph, Anke Fischer, Adeline Chaumont, Katrin Hildebrandt, Brigitte von Herman und sitzend Uta Neldner und Stefanie Schulz

Alle Berliner Partien nachspielen

Foto von Veit Godoj
Teamcoach Veit Godoj (mit Medaille von Uta Neldner?) vor seinen erfolgreichen Damen. Lebensgefährtin Brigitte von Herman hält die Fahne.

Foto von Sebastian Swoboda bzw. Mario Baumhackel
Berlin auf Platz 3 mit Gerda Strate, Stephanie Rudolph, Anke Fischer, Adeline Chaumont, Katrin Hildebrandt, Brigitte von Herman und (sitzend) Uta Neldner und Stefanie Schulz.

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