| Verbandstag des BSV am 26.März 2002 (Socher-Löslein) |
von Bernhard Socher-Löslein
 |  | Drama in einem Akt mit Nebenfiguren | |  |
Wenn ein alternder Schauspieler eigentlich keine besonders herausragende Rolle gespielt hat, kann es vorkommen, daß er Präsident der Vereinigten Staaten wird oder den berühmten Oscar "für sein Lebenswerk" bekommt. So ungefähr kam ich mir vor, als mir auf dem Verbandstag des Berliner Schachverbandes die Silberne Ehrennadel dieses BSV für meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit verliehen wurde. Nun gut: Ich bin seit 1982, also seit 20 Jahren, nahezu ununterbrochen in Funktionen des Vereins tätig, angefangen als Gründungsmitglied des SK Süd-West, war maßgeblich an der Fusion mit den Zehlendorfer Königsjägern beteiligt, war beim alten wie dem fusionierten Verein Vorsitzender und und... Aber andere haben Ähnliches oder Herausragenderes geleistet. Es hat wohl mit dem Alter zu tun.
Wir waren zu Viert: Unsere beiden Vorsitzenden Olaf Ritz und Alexander Monjé, Sven Schüle als Kassenprüfer des BSV und eben ich. Als mich der amtiernde Präsident als "Bernd Soscher-Löslein" aufrief, glaubte ich beim Vornamen an einen Versprecher, während das "ch" meines Geburtsnamens von einem alten Berliner nun mal als "sch" ausgesprochen wird; das "Socher" ist aber richtig geschrieben. Wenige Gratulationsworte, aber nicht nur die Urkunde, auch die kleine hübsche Plakette wurde mir einfach so in die Hand gedrückt. Etwas formlos, fand ich. Unter dem Beifall, besonders lautstark meiner drei "Königsjäger", kehrte ich an meinen Platz zurück, wo mir Alex die Silberne Ehrennadel ans Revers heftete. Ich war übrigens "in Schale". Sonst als eher leger angezogen bekannt, hatte ich mich sogar mit einem (Schach-)Schlips dekoriert.
Nach den Ehrungen - einige wurden als neue Internationale Meister vorgestellt, andere als FIDE-Meister - wurde die Tagesordnung abgehaspelt, bis es zu dem erwarteten Showdown kam, auf das alle gespannt warteten und weswegen auch ich noch nicht an den häuslichen Herd zurückkehrte: Zum ersten Mal seit Menschengedenken (das heißt, seitdem ich aktiv bin) gab es zwei Kandidaten für die Funktion des Präsidenten.
Das war an sich schon eine Sensation. Seit - ich glaube 18 - Jahren ist Herr Seppelt als jeweils einziger Kandidat angetreten und wurde auch, schon mangels Alternative, immer wieder gewählt. Er ist - wie jeder in herausragender Position - Ziel mancher Kritik, ob zu Recht oder Unrecht sei dahingestellt, aber seine Verdienste um den BSV sind unbestritten. Nun also kandidierte auch der Vorsitzende der Weißen Dame, Schachfreund Gerd Borris, für diese Funktion. Die Diskussion, die sich entwickelte, war gekennzeichnet von gegenseitigen Vorwürfen und erinnerte den erstaunten Beobachter daran, was von Versammlungen in Kaninchenzüchtervereinen - sicher zu Unrecht - kolportiert wird.
Ich will hier nicht lange auf die Vorgeschichte eingehen, in der Alfred Seppelt sich den Gerd Borris als Vizepräsidenten ausgeguckt hatte (?), um ihn einzuarbeiten, in die geknüpften Verbindungen zu Politikern und Sponsoren einzuführen usw. Das sollte etwa ein Jahr dauern, der Präsident dann zurücktreten und seinem Nachfolger den Platz auf dem 1. Stuhl überlassen. So wie ich verstanden habe, sollte dann aus dem einen Jahr evtl. zwei Jahre werden, und es schien, als ob die Nachfolge überhaupt infrage gestellt sei. Vielleicht wollte der amtierende Präsident seinen "Thronfolger" gewissermaßen auf seine Eignung für dieses wichtige und auch repräsentative Amt testen? Auf diese unbestimmte Aussage wollte sich nun aber Schachfreund Borris anscheinend nicht einlassen. Immerhin hätte er das Amt des Vorsitzenden eines großen Berliner Schachvereins umsonst aufgegeben, obwohl ich sein Argument nicht für stichhaltig halte. Auch seine übrige Argumentation schien - jedenfalls mir - wenig überzeugend, während der alte Präsident auf seine erfolgreiche Arbeit verweisen konnte. Andere sahen es anscheinend ähnlich. Denn als es zur Wahl kam, obsiegte der Amtsinhaber mit 69 gegen 64 Stimmen bei 4 Enthaltungen und 5 Nein-Stimmen.
Ja, richtig gelesen! Zu nicht nur meinem Erstaunen, sieht die Satzung des BSV Nein-Stimmen vor, wenn ein Verein beide Kandidaten ablehnt. Sie gelten aber, im Gegensatz zu Enthaltungen, als abgegeben. Und somit ergab sich, daß von 138 abgegebenen Stimmen die 69 Stimmen für den amtierenden Präsidenten nur 50% ausmachten. Übrigens hatten einige Vereine ihre Stimme überhaupt nicht abgegeben. Zum Procedere muß ich hier ergänzen, daß jeder Verein mehrere "Stimmen" hat, entsprechend seiner Mitgliederzahl. Die Königsjäger, als einer der größten Berliner Vereine (!), verfügen über 5 "Stimmen". Wir haben also einiges Gewicht im Berliner Schachverband.
Es mußte nun ein zweiter Wahlgang über die Präsidentschaft entscheiden. Dabei zählen nunmehr die meisten abgegebenen Stimmen. Nun waren es auf einmal 147, von denen bei wieder 4 Enthaltungen und wieder 5 Nein-Stimmen 74 auf Alfred Seppelt und 64 auf Gerd Borris entfielen. Alter und neuer Präsident ist nun für die nächsten zwei Jahre Schachfreund Alfred Seppelt: Paragraf 1 der Mecklemburgischen Landesverfassung: Es bleibt alles beim Alten!
Es war spät geworden, und der Rest des Verbandstages hat mich kaum noch interessiert, die Spannung war raus. Aber wie es sich für ein gutes Drama gehört, gab es noch ein sogenanntes retardierendes Moment, also eine nochmalige, kurze Anhebung der Spannung, eine Verzögerung bis zum endgültigen Finale, hier eines Helden der Veranstaltung. Zu aller Überraschung nämlich kandidierte der unterlegene Präsidentschaftskandidat nun für die Funktion des Vizepräsidenten, was keiner im Saal verstand. Er unterlag erwartungsgemäß mit 61 Stimmen gegen Kai-Uwe Melchert (78 Stimmen). Alle anderen Vorstandsmitglieder und Referenten wurden mehr oder minder einstimmig gewählt: Dr. Fechner (Landesspielleiter), Koch (Kassenwart), Carsten Schmidt (Landesjugendwart). Auch bei den Referenten gab es kaum Gegenstimmen. Ich habe mir nicht alle gemerkt. Das einzige Interessante war, daß Hendrik Madeja vom SC Zugzwang als Referent für Freizeit-und Breitensport von seinem eigenen Verein abgelehnt wurde (Enthaltung). Sicher wollten sie ihn lieber für sich allein behalten.
"Liebe Leute, laßt Euch sagen, unsere Uhr hat 12 geschlagen". Sechs Stunden, vom 26. März, 18 Uhr, bis 27. (noch immer) März, 0:05 Uhr hat es gedauert, bis wir Vier uns zu mitternächtlicher Stunde traditionsgemäß nach solchen Anlässen zu einem (Einzahl!) Glas Bier versammeln konnten und die Ereignisse des Tages Revue passieren ließen. Nachdem Alex dann drei Königsjäger zu ihren jeweiligen Nachtquartieren kutschiert hatte, lag ich um 2 Uhr nachts neben meiner sanft schlummernden Gattin im Bett. Nicht unerwähnt lassen will ich meine Überraschung am morgendlichen Frühstückstisch, wo ich ein Töpfchen mit einer sogenannten Schachbrettblume (!) fand und eine Karte von eben dieser Gattin, worauf steht: "Lieber Bernhard! Herzlichen Glückwunsch zur Silbernen Ehrennadel! Mögest Du noch lange mit Freude Schach spielen und Schach lehren und mögest Du immer eine grüne Dame haben, gut gedeckt und schlagkräftig. Josefa".
Grüne Dame? Auf dem abgebildeten Schachbrett steht tatsächlich neben schwarzen und weißen Figuren eine grüne Dame, die einen König auf rotem Feld bedroht. Sollte dies eine beziehungsreiche Anspielung sein? Und welche?
BSV © 21.07.2005
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