| Die F.A.Z. zum Verbandstag 2002 |
von Stefan Löffler
 |  | Der Schachverband bin ich | |  |
Warum Alfred Seppelt Ehrennadel und Nebenverdienst behält
Schach ist nichts für Entscheidungsschwache. In einer Schachpartie ist in jedem Zug eine zu treffen. Die Entscheidung, wer das Berliner Schach in den kommenden zwei Jahren führen soll, hätten die organisierten Spieler der Hauptstadt jedoch gerne umgangen. Seit zwei Jahrzehnten hat es stets nur einen Anwärter auf die Präsidentschaft gegeben. Vielen Delegierten der Schachvereine bei ihrem Verbandstag im Gemeinschaftshaus Lichtenrade war unwohl bei der ungewohnten Wahl. Dabei stand das Bedürfnis nach Harmonie in Widerspruch zu den Kontroversen, die der seit 18 Jahren amtierende Präsident angehäuft hat. Doch Berliner Schachpolitik ist kein logisches und auch kein intelligentes Spiel.
Alfred Seppelt hat sich und allen jahrelang eingeredet, daß niemand bereit wäre, sein Amt zu übernehmen. Seine Kritiker waren zahlreich, doch nie rang sich jemand zur Gegenkandidatur durch. Der Vorsitz des Schachverbandes ist ein Ehrenamt, für erworbene Verdienste gibt es eine Ehrennadel. Von einer Ehrennadel wird noch die Rede sein, zunächst aber zu den Verdiensten.
Seppelts Aushängeschild ist das von ihm organisierte Politikerschachturnier. Zudem rechnet er sich zugute, im vorigen Jahr 5000 Euro eingeworben zu haben, denn er kenne einen wichtigen Mann bei der Dresdner Bank, hieß es. Jede Spende sei eine doppelte Freude, denn neben dem Verband profitiere auch. seine Firma, sagte Seppelt offen. In den Büchern des Verbands tauchen die Beträge nicht auf. Der Präsident erwirbt davon Sachpreise für Meisterschaften - meist nicht mehr ganz druckfrische Bücher - aus einem von ihm selbst betriebenen Schachhandel. Obwohl der frühere Seifengroßhändler zu
Wohlstand gekommen ist, besteht er auf dem Nebenverdienst, denn als Selbständiger habe er keine Rentenansprüche.
Solange er noch das Berliner Sommer Open organisierte, sind andere Beträge durch die Hände des Schachpräsidenten geflossen. Im Verlauf von 16 Jahren habe er drei Millionen Mark direkt bewegt, sagt Seppelt. Daß er als Veranstalter an der Vermittlung von Hotelzimmern und am Ankauf von Spielmaterial und Sachpreisen bei sich selbst verdient hat, verhehlte er nicht. Es widersprach aber den Richtlinien des Senats, der die Veranstaltung mit jährlich 60 000 bis 100 000 Mark förderte. Doch seine Einnahmen wurden von der Sportverwaltung geduldet.
Wiederholt hatte Seppelt seine letzte Amtszeit angekündigt. Zu Jahresbeginn schien seine Nachfolge harmonisch gelöst. Seppelt selbst hatte vorgeschlagen, den 63 Jahre alten Künstler Gerd Borris, der nicht aus der Reihe seiner Kritiker stammt, einzuarbeiten und nach einem weiteren Jahr zu dessen Gunsten zurücktreten. Doch dann überlegte er es sich anders, und Borris kandidierte selbst.
Große Redner sind beide nicht. Am Verbandstag referierten sie mehr über Telefonate, die nicht zustande kamen, als darüber, wie dem anhaltenden Mitgliederschwund zu begegnen wäre. Seppelt drohte, im Falle seiner Abwahl die von ihm geknüpften Verbindungen zu Sponsoren und Behörden abreißen zu lassen, das Politikerschachturnier künftig privat zu organisieren. Ferner trete er aus und gebe seine Ehrennadel zurück. Nach zwei Wahlgängen war Seppelt mit 74 zu 64 Stimmen vorne. Solange die Lager seines Schachhandels nicht aufgelöst sind, darf der Verband auf ihn rechnen.
BSV © 21.07.2005
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